Als die Mauer noch stand

Zwei Variationen über ein Thema

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Bücher über die Berliner Mauer und den Eisernen Vorhang haben im Augenblick besondere Konjunktur, schließlich liegt die Öffnung der Grenze genau 25 Jahre zurück. Zu diesem alten Thema* erschienen zwei neue Variationen mit Bildern aus den Achtzigern. Die Idee des einen Buches ist es, die Grenze durch Schauplätze und Ereignisse zu beschreiben, die mit dem Versuch verknüpft waren, die Sperren zu überwinden. Das andere Buch handelt davon, die Berliner Mauer so komplett wie möglich zu fotografieren.

Die beiden Fotografen Philipp J. Bösel und Burkhard Maus hatten 1984 eine umfangreiche Serie über die Berliner Mauer aufgenommen, und dies unter jeweils ähnlichen Bedingungen, was Abstand, Beleuchtung und Kameraeinstellung angeht. Jedenfalls sind die Tableaus in dem nach 30 Jahren nun endlich erschienen Buch so eingerichtet, dass sie zu Vergleichen einladen. Auf diese Weise ist eine sehr eigenwillige Typologie von kurzen Abschnitten der Mauer hinsichtlich ihrer nach Westberlin gerichteten „Außen“-Seite entstanden (Graffiti, baulicher Zustand), aber auch ihres Umfelds (Autos, Büsche, Gebäude vor und hinter der Mauer). Die Serie war schon länger bekannt und ist auch im Internet zu sehen; Christoph Schaden hatte schon vor einigen Jahren auf sie hingewiesen und Ausschnitte gezeigt.** Für eine komplette Veröffentlichung brauchte es aber noch einen passenden Anlass, wie er jetzt genutzt werden konnte (siehe die Kommentare von Bösel zu unserer Rezension des Mauer-Buches von Arwed Messmer und Annett Gröschner). Das in einem strengen Raster aus Kleinformaten gestaltete, auf die Angabe von Standorten verzichtende Buch erschien in einer Auflage, die genauso hoch ist wie die Zahl der darin enthaltenen Bilder, nämlich 1144. Dazu gibt es ein Motiv als lose Beilage, laut Werbung ein „Print“, wobei ich nicht weiß, ob das ein Abzug auf Fotopapier oder der Ausdruck einer Datei ist. Das vorliegende Presse-Exemplar ist jedenfalls weder das eine noch das andere, sondern ein in Faksimilequalität im Offsetverfahren gedrucktes Bild mit der Anmutung eines Abzugs aus der Dunkelkammer.

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Seiichi Furuya zog von Japan nach Österreich und thematisierte Vorkommnisse am Eisernen Vorhang mit einer Fotoserie, die 1983 abgeschlossen und, etwas verändert, erst jetzt in Form eines Buches veröffentlicht wurde. Die Grenze selbst ist allenfalls irgendwo zu erahnen. Die Fotos wurden aber immer aber mit ihren Entstehungsorten und dem Aufnahmejahr versehen, zuweilen auch mit kurzen Meldungen über gescheiterte Fluchtversuche oder andere Grenzgeschichten, was einen mehr oder weniger engen Zusammenhang zwischen Orten und Ereignissen herstellt. Die Bilder wären, hätte sie Furuya nicht kontextualisiert, ziemlich nichtssagend, so aber sind sie phantasieanregend. Zweimal taucht zudem die Ehefrau des Fotografen auf, der er aufgrund ihrer zum Tod im Jahre 1985 führenden Erkrankung einen großen Teil seines künstlerischen Werks gewidmet hat.

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Während Bösel und Maus Prosa über ein Bollwerk aus Beton liefern, ist Furuyas Werk Poesie zu den Möglichkeiten, Grenzen hinter sich zu lassen. Das dürfte den Fotografen im Hinblick auf das Zusammenleben mit seiner Frau mehr interessiert haben als konkrete Sperranlagensituationen. Schön der Ausklang mit einem Farbfoto eines einsamen, leer erscheinenden kleinen Motorbootes auf dem Pazifischen Ozean vor Japan. Grenzenlos, endlich!

* vgl. Deutschland im Fotobuch, 2011, S.287ff. und Anm. 406
** Christoph Schaden, Wall. Photo. Book., in: PhotoResearcher Nr. 12/2009, S. 8-15

  • Titel: Die Berliner Mauer 1984 von Westen aus gesehen
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Philipp J. Bösel und Burkhard Maus
  • Textautor: Christoph Schaden
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Helge Schlaghecke
  • Verlag: Kettler
  • Verlagsort: Dortmund
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: deutsch, englisch, französisch, japanisch, russisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: (nicht paginiert)
  • Bindung: Illustrierte Klappenbroschur im Schuber, Textbeilage, Bildbeilage
  • Preis: 75 Euro
  • ISBN: 978-3-86206-384-0
  • Titel: Staatsgrenze
  • Untertitel: 1981 – 1983
  • Bildautor: Seiichi Furuya
  • Textautor: Seiichi Furuya
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Nicola Reiter
  • Verlag: Spector Books
  • Verlagsort: Leipzig
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: deutsch, Textbeilage englisch, japanisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: (nicht paginiert)
  • Bindung: Leinen
  • Preis: 24 Euro
  • ISBN: 978-3-944669-31-1

Eine Antwort zu Als die Mauer noch stand

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