Anderer Leute Bilder

Ein Nachlass, bearbeitet von Kai-Olaf Hesse

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Das Buch besteht aus Fotos, wie sie tausendfach in private Fotoalben eingeklebt oder in Schuhkartons gesammelt zu finden sind.Am Ende der Bildstrecke gibt es eine Seite mit Bildtiteln, genauer, die Namen der dargestellten, offenbar aus einer Familie stammenden Personen werden genannt. Aber statt Oma, Opa, Mutter, Vater liest man nur Vornamen wie Karlheinz, Reinhold oder Ursula. Und ein Knirps namens „ich“ kommt vor. Man könnte denken, dass dieser „ich“ identisch mit dem Autor des Buches ist, dem Fotokünstler und Buchgestalter Kai-Olaf Hesse (* 1966). Und das Buch Nachlass damit zu tun hätte, dass Hesse das Bildmaterial eben in einem Nachlass aus der engeren oder weiteren Verwandtschaft gefunden hat. Es könnte aber genausogut ein glücklicher Flohmarktfund gewesen sein, der ihn dazu inspirierte, ein Buch aus alten Familienbildern zu komponieren, sozusagen als gestalterische und konzeptionelle Fingerübung. Es ist ja nicht zu übersehen, dass in letzter Zeit Bücher bzw. künstlerische Projekte mit und aus alten Fotos en vogue sind (vgl. LFritz 2).

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Ich frage mich also, warum ich mir die Familienfotos anderer Leute ansehen soll. Wenn es um Fotos aus der eigenen Familie des Autors geht: Welches künstlerisches Interesse liegt an deren Veröffentlichung? Oder muss man eher nach einem therapeutischen Ansatz fragen? Sind die Fotos hinsichtlich des visualisierten Zeitgeists, wegen ihrer (womöglich kuriosen) Gestaltung oder ihrer erzählerischer Kraft so interessant, dass sie unbedingt das private Album verlassen müssen? Hesse und alle anderen, die mit biographischem Bildmaterial arbeiten, werden ihre Gründe haben, warum sie dieses neu beleben. Im Falle von Hesses Nachlass sind Auswahl und Sequenzierung durchdacht, die Gestaltung dezent und die Druckqualität gut, es macht also Spaß, das Buch in die Hand zu nehmen.

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Die hier präsentierten Fotos erzählen Geschichten, das Nachwort von Göran Gnaudschun hebt darauf ab. Eine narrative Qualität ist ja eine der grundlegenden Eigenschaften der Fotografie und im besten Fall auch eines der entscheidenden Merkmale eines guten Fotobuchs. Nachlass deutet genug an, um einen Kontext herzustellen, aber ist nicht so konkret, dass man sich als Voyeur fühlt. In dieser Ambivalenz ist Hesse ein schönes und anregendes Fotobuch gelungen.

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  • Titel: Nachlass
  • Untertitel: 
  • Bildautor: (anonym)
  • Textautor: Göran Gnaudschun, Zitate von Siegfried Lenz und Monika Maron
  • Herausgeber: Kai-Olaf Hesse
  • Gestalter: Kai-Olaf Hesse
  • Verlag: Peperoni Books
  • Verlagsort: Berlin
  • Erscheinungsjahr: 2015
  • Sprache: deutsch, lose Beilage mit englischen Übersetzungen
  • Format: 
  • Seitenzahl: 88
  • Bindung: illustriertes Hardcover
  • Preis: 35 Euro
  • ISBN: 978-3-941825-84-0

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