Bilder im Kopf

Will Steacy sammelte Fotos, die es nicht gibt

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Dieses Dilemma kennt jeder: Ausgerechnet in dem Moment, in dem sich eine spannende Szenerie vor den eigenen Augen auftut, ist die Kamera nicht zur Hand oder der Auslöser funktioniert nicht. Das passiert auch Profis und so hat jeder von ihnen eine Geschichte parat von einem Bild, das er gerne gemacht hätte. Einem Bild im Konjunktiv, sozusagen.

„Mentale Negative“ nennt Will Steacy die Anekdoten, die er in seinem Band „Photographs not taken“ versammelt. 62 prominente FotografInnen kommen zu Wort, von Dave Anderson bis Alex Webb. Auf maximal drei Seiten erzählt jeder von ihnen, warum es nicht zum Bild kam – seien es die vergessene Kamera, Fotografierverbote oder moralische Bedenken. Besonders letztere stellen Dokumentarfotografen des Öfteren vor schwierige Entscheidungen. Es ist ein schmaler Grad zwischen journalistischer Verantwortung und unterlassener Hilfeleistung, der häufig spontan und individuell entschieden werden muss. „…Sometimes you just get an instinct when to put the camera down and be fully present“, schildert Nadav Kander seine Erfahrung mit der bewusst verpassten Chance.

Der Wechsel von nachdenklichen mit skurrilen, zuweilen sogar spannenden Geschichten eröffnet ein breites Spektrum an Einblicken in das Leben und den Arbeitsalltag der FotografInnen. In sehr lebendigen Schilderungen präsentieren sie ihr Rohmaterial, direkt entsprungen aus ihren Köpfen. Ihre Geschichten schauen hinter den fotografischen Blick, noch vor das Auslösen, vermitteln etwas über das Denken, die visuelle Selektion, die jedem Foto voraus geht. In diesen Essays geht es um den fotografischen Prozess, vom Sehen bis zum Auslösen, obwohl kein einziges Bild gezeigt wird. Das Erleben rückt ins Zentrum und damit auch das Unvermögen der Fotografie, umfangreiche Erfahrungen abzubilden. In der schriftlichen Form können sie sich breit entfalten und das macht das Buch so lesenswert.

Die persönlichen Schilderungen bilden den Rahmen für weiterreichende, allgemein gültige Themen, konfrontieren uns z.B. mit der Frage nach dem Berufsethos, der Frage nach der Rolle von Fotografien in unserer medial übersättigten Welt oder der Frage nach den Grenzen des fotografisch Vermittelbaren. Die politischen, philosophischen und psychologischen Dimensionen, die der Fotografie eigen sind, eröffnen sich hier aus der individuellen, konkreten Lebenserfahrung heraus.

Indirekt behandeln alle Geschichten dieses bei Daylight erschienenen Bandes den entscheidenden Augenblick, den Moment, der nur einem scharfen Beobachter gelingt. Und der weiß auch, dass ein solcher Moment nicht zweimal passiert. Geht er ungenutzt vorüber, ist Gelassenheit gefragt. „The Photographs not taken are the photographs not given,“ ist Erika Larsens entspannte Philosophie zu diesem Thema. Diese unsichtbaren Bilder in ihrer textlichen Verwirklichung erfahren zu können, ist allerdings ein abwechslungsreiches Vergnügen, das man nicht verpassen sollte.

  • Titel: Photographs not taken
  • Untertitel: A Collection Of Photographers´ Essays
  • Bildautor: (ohne Bilder)
  • Textautor: Lyle Rexler (Einleitung) und 62 Fotografen
  • Herausgeber: Will Steacy
  • Gestalter: Ursula Damm
  • Verlag: Daylight Community Arts Foundation
  • Verlagsort: New York
  • Erscheinungsjahr: 2012
  • Sprache: englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 223
  • Bindung: Softcover
  • Preis: 14,95 Dollar
  • ISBN: 978-0-9832316-1-5

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