Die Freiheit der 1990er-Jahre

Markus Werner fotografiert das Lebensgefühl einer Generation

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Kann man mit der Fotografie das Lebensgefühl einer Zeit einfangen? Brassai hat es mit Paris de Nuit gemacht und auch Bill Brandt ist es mit seinen London-Essays ebenso hervorragend gelungen. Jedoch blieben die Fotografen dabei stets auf Distanz, Beobachter von aussen und mit einem deutlichen Gestaltungswillen versehen. Hat nicht ‘mal jemand gesagt, der Künstler müsse unbedingt ein wenig Aussenseiter sein?

Heutige, vor allem junge Fotografen versuchen einen persönlicheren Zugriff, der meiner Ansicht nach jedoch meist im Vagen endet. Farbig, manchmal unscharf, flüchtig eine Schulter erhaschend oder einen Teddybär auf dem Sofa ablichtend. Mir jedenfalls erschliesst sich da wenig von der heutigen Zeit. Das vorliegende Buch von Markus Werner beinhaltet Fotos aus jüngerer Vergangenheit, nämlich den frühen 1990er-Jahren in Berlin und Halle. Diese Jahre waren vor allem für die Menschen des zerbrochenen Staates äusserst bewegend, und mindestens als Westberliner erlebte man davon einiges mit. Es gab auch Zusammenbrüche, Tragik und Unrecht, aber die Jugend empfand diese Jahre als zunächst aufregendes Vakuum und als Chance für einen neuen, ganz unvermuteten Aufbruch. Dies hat Markus Werner instinktiv verstanden und in zupackender Art abgelichtet. Er war mittendrin, Teil der Szene. Mit Nebensächlichkeiten und Versatzstücken hat er sich nicht aufgehalten. Seine Fotografien haben etwas Ruppiges, fast Ungestaltetes.

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Vor 25 Jahren wurde noch analog fotografiert, und Markus Werner benutzte Schwarz-Weiß-Filme. Seine Stilistik ist der von Anders Petersen, Ed van der Elsken oder auch von Ute Mahler, deren Assistent und Schüler er war, verwandt. Es sind Schnappschüsse, Partybilder, Fotos vom Rumhängen, aber auch Porträts, Straßenszenen, Landschaften und Städtebilder. Manche Bilder vermitteln das Gefühl einer noch stehen gebliebenen Zeit, keinesfalls vom Aufbruch, und so war das wohl auch in den 1990ern. Mit den Fotografien aus Halle erhält Helga Paris’ Buch Diva in Grau ein überraschendes Echo. Vielleicht sollten wir das vorliegende Werk vor allem als Halle-Buch sehen aus jener wilden, freien und noch undefinierten Zeit. Markus Werner ist nicht bei einer jugendlichen Innensicht geblieben, sondern hat sich umgeschaut, die Welt mit den sprichwörtlichen anderen Augen gesehen. Eine Nabel-Schau ist es nicht geworden.

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Dass ich das Buch dennoch nicht als grossen Wurf erachte, kann ich kaum begründen. Hier und da fleddert das Buch ins Unbestimmte aus. Auch leidet es am langweiligen glatten Papier, am meines Erachtens etwas zu grossen Format, an der unschönen Typografie. Fünf, sechs Bilder weniger, vor allem aber sieben, acht Texte ‘raus (die sind eindeutig zu viel) – das wär‘s vielleicht gewesen.

Wie dem auch sei, von dieser eigentümlichen, brüchigen Zeit – insbesondere in deutschen Landen – am Ende des letzten Jahrhunderts ist viel zu sehen und etwas zu begreifen.

  • Titel: Zeit der großen Freiheit
  • Untertitel: Halle – Berlin, 1989 – 1997
  • Bildautor: Markus Werner
  • Textautor: Edgar Bethmann, Flake, Rüdiger Giebler, Rainer Huppenbauer, Judith Hermann, Pepe New, Sabine von Oettingen, Peter Wawerzinek, Jan Wätzold, Christian Zeigermann
  • Herausgeber: Moritz Götze
  • Gestalter: Jo Schaller
  • Verlag: Hasenverlag
  • Verlagsort: Halle
  • Erscheinungsjahr: 2016
  • Sprache: deutsch
  • Format: 29,5 x 23,3 cm
  • Seitenzahl: 128
  • Bindung: Illustriertes Hardcover
  • Preis: 24,95 Euro
  • ISBN: 978-3-045377-26-0

Eine Antwort zu Die Freiheit der 1990er-Jahre

  1. In den abgebildeten Seiten ist von “großer Freiheit” oder Lebensgefühl m.E. nichts zu sehen. Das erinnert an Bilder von Hauswald oder Hohmuth aus der Endzeit der DDR. Das Problem liegt womöglich in der Notwendigkeit, leidlich knackige Titel u./o. subtitel zu verwenden, um in der Flut von Fotobüchern eine gewisse Aufmerksamkeit zu finden.
    Vielleicht ist das Problem ja auch die Announcierung als “Fotobuch”. Wenn man die Prominenz der aufgelisteten Autoren bemerkt, von denen Lambers ja gerne einige ‘rauschmeissen würde, stellt sich die Frage, ob der literarische Teil nicht evtl. wichtiger als der abbildende ist. Dazu aber müsste man die Texte haben.

    MfG Axel Sommer

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