Fotografischer Ausschuss neu gesehen

Stars und Sternchen und ihre Bilder vor Photoshop

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Dass es kaum etwas Langweiligeres gebe, als Architekturdenkmale auf Urlaubsfotos, wusste schon der Satiriker Max Goldt. Er schlug deshalb vor, dass man im Angesicht baulicher Schönheiten hässliche Passanten oder wenigstens Müllcontainer mit aufs Bild nehme, um die Aufnahmen 20 Jahre später immerhin noch ein wenig interessant zu finden. Goldt hat recht. Und trifft seine Beobachtung nicht bisweilen auch auf Porträts zu? Hätte Günter Karl Bose lediglich alte Zeitungsfotos von Hollywoodstars und Sternchen reproduziert – sein neues Buch wäre langweilig. Bose sucht nun nicht nach Müllcontainern auf Fotos, sondern umgekehrt. Er sucht da, wo viele Fotos im Zuge des digitalen Kehraus’ mittlerweile massenhaft landen: im Müllcontainer. Er hat sich überhaupt zur Aufgabe gemacht, fotografischen Ausschuss zu sammeln, als Faktum anzuerkennen und zu würdigen. Nach Photomaton und Big Zep legt er nun mit Stardust einen in bewährter Weise schön gestalteten Band vor, der ebenfalls den Fotoresten gewidmet ist und zeigt, wie Fotos manuell bearbeitet wurden. Bose zitiert in seinem Essay Hans Bauer, der 1929 das erste deutschsprachige Handbuch zum Zeitungsbilderdruck verfasst hat: „Wo das Bild noch zu wünschen übrig läßt, kann man das Original (…) schon vor der Reproduktionsaufnahme entsprechend bearbeiten, übermalen, Schatten verstärken, Lichter aufhellen und dadurch härtere oder weichere Bildwirkung erschaffen.“ Es hat sich also nichts geändert, wenn man vom technischen Verfahren einmal absieht: Es ging schon immer darum, Fotos zu „verschönern“, den Blick zu lenken und die Wahrnehmung zu beeinflussen.

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Und die Fotografen? Die Bilder wurden ja in Hinsicht auf die spätere Rezeption als Veröffentlichung aufgenommen – die Dargestellten sind glanzvoll arrangiert, beleuchtet und überhaupt perfekt und positiv dargestellt. Den Redakteuren und Verlegern, die einen Bedarf an Starfotos hatten, schien die eingekaufte Leistung der Glamour-Fotografie oftmals nicht ausgereicht zu haben. Die Kontraste mögen gestört haben, das Meublement im Hintergrund, die nicht interessierende, manchmal geradezu ausgestrichene zweite Person, zuweilen sogar der Körper der Hauptperson, wenn man nur den Kopf oder das Gesicht für Irgendetwas brauchte. Der Zweck heiligte die Mittel, das Können der Fotografen wurde von den Retuscheuren und Druckvorlagenherstellern in den Schatten gestellt. Hier ist es offensichtlich, bei manipulierten Bildern aus dem Krieg beispielsweise ist es das nicht. Und was ist beim letzten Foto des Haupt-Bildteils geschehen? Wo ist bei dem typischen Paparazzi-Foto die Retusche geblieben? Elisabeth Taylor kalkweiß angeblitzt mit leerem Blick, die Handtasche verdreht, im Hintergrund lauert ein weiterer Fotograf. Ein Gegenbild zum sonst Gezeigten. Bose legt mit seinem Buch die Mechanismen publizierter Fotografie spielerisch und mit hohem Unterhaltungswert offen.

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Verwandlungen durch Fotografie gibt es selbstverständlich weiterhin – man schaue sich nur die immergleichen Schönen auf der Titelseite der TV-Zeitungen an; Stars und Sternchen, die man auf der Straße nicht wiedererkennen würde. Was heute mit wenigen Klicks geht, war damals allerdings aufwändiger, wie man hier sehen kann. Mit all den Kennzeichen der Bearbeitung, den Retuschen, Ausschnittmarkierungen, Rahmen und handschriftlichen Anweisungen für den Drucker werden diese Fotos für uns Heutige überhaupt wieder interessant. Es ist fast ein Wunder, dass sie nicht schon früher im Müllcontainer landeten und Bose noch einige für sein schönes Buch aufstöbern konnte. Eines hat sich freilich geändert: unretuschierte Daten aus dem Papierkorb der Festplatte sind normalerweise unwiederbringlich verloren – keine Chance für Bildersammler wie Bose.

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  • Titel: Stardust
  • Untertitel: 100 retouched press photos
  • Bildautor: (diverse)
  • Textautor: Günter Karl Bose
  • Herausgeber: Günter Karl Bose
  • Gestalter: Günter Karl Bose
  • Verlag: Institut für Buchkunst
  • Verlagsort: Leipzig
  • Erscheinungsjahr: 2015
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 128
  • Bindung: illustrierter Pappband
  • Preis: 29 Euro
  • ISBN: 978-3-932865-91-6

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