Heimatfotografie heute

Ein neuer Bildband von Peter Bialobrzeski

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Heimat! Ein gefühlslastiger Begriff mit einem breiten Bedeutungsspektrum zwischen fester Basis, bewusster Herkunft, Zugehörigkeit, Romantik, Kitsch, Volkstümelei, heiler Welt und Oberförster-Kinoschmonzetten. Der Fotograf Peter Bialobrzeski hat sich etwas dabei gedacht, als er seinen neuesten Werkkomplex unter den Titel „Heimat“ stellte. Es handelt sich um Landschaftsaufnahmen, die in Deutschland fotografiert wurden. Ein überraschend großer Teil entstand im Winter. Unabhängig von der Jahreszeit sind die Motive Strand/Meer und Gebirge überrepräsentiert. Das große Dazwischen – Flachland, Mittelgebirge, aber auch Dörfer, Städte, Industrieflächen, Verkehrswege und sonstige Hässlichkeiten – hat der Fotograf bewusst ausgeblendet. Das ist sein gutes Recht, denn er beruft sich auf seinen subjektiven Standpunkt, von dem er auf der Suche nach Schönheit und bei der Klärung seines Verhältnisses zu Deutschland ausgegangen war. Unverblümt nennt er seine Arbeit eine Hommage an Capar David Friedrich, Joel Sternfeld und andere (Vorwort, S.5).

Gemeinsames Kennzeichen von Bialobrzeskis Aufnahmen ist das weitgehende Fehlen von Architektur und die Einbettung von menschlichen Figuren – meist in Gruppen – in die Landschaft. Man scheint der Natur noch nicht entfremdet zu sein, fühlt sich dort bei Freizeitaktivitäten gut aufgehoben, beim Baden, Wandern, Skilaufen, Ausruhen. Die Natur ist in unseren Breiten kaum noch natürlich und die Anwesenheit der Staffagefiguren steht dafür. Das ist dann aber auch alles an kritischen Untertönen in dieser ganz und gar ironiefreien Serie (Sternfeld war hier kein Vorbild). Die Landschaft wird in Farbe und in technischer Perfektion in beinahe schon fremdenverkehrstauglicher Manier geschildert. Heile Welt als Konzept? Der Bildautor ist damit der bildmäßigen Heimatfotografie des ersten Drittels des 20.Jahrhunderts näher als den „New Topographics“ der 1970er-Jahre.

Warum sich Bialobrzeski des Kunstgriffs zu bedienen meinte, eine brave Serie zum Thema Menschen in schönen deutschen Landschaften „Heimat“ zu nennen und sich damit mangels optischer Widerhaken auf ein gefährliches konzeptuelles Glatteis zu begeben, bleibt das Geheimnis des Fotografen. Sollte die Verwendung des vielfach missverständlichen Heimat-Begriffs provozierend als Aulöser von Diskussionen gemeint sein? Es scheint so zu sein, denn der Neo-Romantiker Bialobrzeski will sich von einer „Neuen Deutschen Fotografie“ abgrenzen und derem angeblich authentischen Motivrepertoire aus Garagentoren, Pappkartons und pickeligen Jungmanagern (Vorwort, S.5). Jeder Betrachter wird für sich selbst entscheiden, was er für authentisch hält und was nicht. Ich würde dem Fotografen am liebsten Michael Schmidts letztes, nicht minder subjektiv empfundenes Buch „Nirgendwo“ in die Hand drücken, auf dass sein Blick für die Banalitäten des Alltags geschärft werde und klar wird, wie fotografierte Heimat jenseits eines Anspruchs auf Authentizität auch aussehen kann. Oder spürte Bialobrzeski nach seinem großartigen Werk „Neon Tigers“ das dringende und tief empfundene Bedürfnis, seinem Heimatland einfach etwas Positives, Optimistisches, Schönes mit auf dem Weg aus seinen zahlreichen Krisen zu geben?

  • Titel: Heimat
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Peter Bialobrzeski
  • Textautor: Ariel Hauptmeier
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Indra Kupferschmid
  • Verlag: Hatje Cantz
  • Verlagsort: Ostfildern
  • Erscheinungsjahr: 2005
  • Sprache: deutsch, englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 88
  • Bindung: Hardcover, Schutzumschlag
  • Preis: 45 Euro
  • ISBN: 3-7757-1673-4

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