Hilft ja alles nichts!

Turit Fröbe fotografiert Bausünden als Kunst

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Kann missratene Architektur (und Stadtplanung) Kunst sein? Ja, sagt, Turit Fröbe. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Studiengang Architektur der Universität der Künste Berlin hatte schon für 2007 einen bei Stadtplanern und Architekten beliebten Kalender herausgegeben, der Tag für Tag forderte: Abreißen! Weg damit! Nun proklamiert sie mit ähnlichem Bildmaterial die Kunst der Bausünde. Nun, auch an drittklassigen Filmen finden viele Geschmack und nicht wenige davon werden mit geringem Etat extra produziert, um nachher auf „Trashfilmfesten“ einem schmunzelndem Publikum gezeigt zu werden. Bei Architektur wiegt der Fall allerdings schwerer. Einmal errichtet, stehen die gebauten Hässlichkeiten meist jahrzehntelang herum und erzwingen Gewöhnung. Wegschauen hilft nicht, eine Haltung muss her. Aber wir lassen uns nicht auf eine Diskussion über die Qualität von Architektur ein, schließlich ist das hier ein Fotobuchblog und kein Architekturblog.

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Wahrscheinlich wollten die Buchgestalter mit den abgebildeten Bausünden konkurrieren. Mit der grauen fensterlosen Betonwand als Covermotiv und den bündig beschnittenen Rändern wirkt das Buch wie eine Kladde. Das Vorsatzpapier in Leuchtpink erfordert eine Sonnenbrille. Turit Fröbe hat mit betont wenig Aufwand selbst fotografiert: Bausünde identifiziert, draufgehalten, fertig. Es geht ja nicht darum, gebauten Müll künstlerisch zu adeln, sondern zu dokumentieren, dafür muss man nicht unbedingt mit der Plattenkamera loslaufen. Eine gestalterische Scheußlichkeit erster Güte sind allerdings die in die Fotos eingeblockten Bildtexte, die wie nachträglich aufgeklebt wirken – Basteloptik. Aber ich nehme an, auch das gehört zum Gestaltungskonzept.

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Moralinsaure Betrübnis hilft nicht weiter. Die Kunst der Bausünde ist vor allem komisch. Fröbes Bildtexte bewegen sich zwischen süffisant ironischem Kommentar und ätzender Satire. Das ist genau die Haltung, mit der sich diese Anblicke ertragen lassen. Den gebauten Unfug, all die Monströsitäten, bizarren Stadtmöbel, hässlichen Asphaltplätze, sinnlosen Erkerchen und Waschbetonflächen, die einen auf Schritt und Tritt begegnen, kann man nur lachend ertragen, will man nicht ständig weinend durchs Leben gehen. Wirklich zum heulen sind Steuermillionengräber wie die Elbphilharmonie, der Berliner Flughafen oder der Flugplatz Kassel-Calden. Die hat Fröbe allerdings nicht abgebildet.

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  • Titel: Die Kunst der Bausünde
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Turit Fröbe
  • Textautor: Turit Fröbe
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: fuxbux
  • Verlag: Quadriga
  • Verlagsort: Berlin
  • Erscheinungsjahr: 2013
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 180
  • Bindung: illustriertes Hardcover
  • Preis: 16,99 Euro
  • ISBN: 9783869950532

2 Antworten zu Hilft ja alles nichts!

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