Keine neuen Fotos, bis die alten aufgebraucht sind

LFritz zur Bewältigung der Bilderflut

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Die zweite Ausgabe von LFritz aus Köln stellt die Frage, ob bei der riesigen Bilderflut heute überhaupt noch fotografiert werden muss oder ob man sich nicht besser vorgefundener Konvolute und Archive bedienen sollte.

Larry Sultan und Mike Mandel haben also Archive durchsucht und viele ulkige oder eigenartige Bilder zu Tage gefördert. Diese sind – weil ohne Kontext (d.h. Beschriftung) – nur für die berühmten zwei Sekunden interessant (nach Lee Friedlander). Ansonsten ergibt sich die Frage: was soll’s?

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Doug Rickard und Michael Wolf entnehmen Bilder aus Google street view. Zu sehen ist bei Rickard der mässig interessante zweite Aufguss von Sichten, wie sie durch Walker Evans und Stephen Shore geprägt wurden. Wolf findet witzige bis beunruhigende Begebenheiten, die sind letztlich uninteressant, wenn man sie nicht gerahmt an die Wand hängt und zur modernen Kunst erklärt, in der ja bekanntlich alles erlaubt ist. Ob solche Bilder dann eine dauerhafte Wirkung über das Dekorative hinaus entfalten, entscheidet über Qualität oder eben doch: Abfall.

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Joachim Schmid findet seine Bildvorlagen vorwiegend auf der Strasse oder aus Zusendungen. Beim Collagieren von Bildfragmenten gelingen ihm reizvolle Sandwiches. Ich verweise diese Arbeit in das Gebiet der concept art, möge sie da reüssieren.

Levi Bettwieser stöbert bislang unentwickelte Filme auf und wählt daraus schöne oder eigenwillige Sujets für die Publikation aus. Er „rettet … nicht einfach nur ein paar alte Fotografien“ sondern „ein kleines Stück US-amerikanische Familiengeschichte“. Nun denn, wenn dafür Bedarf besteht.

Erik Kessels findet tatsächlich höchst abstruse Bilder und fabriziert daraus viele Magazine und Bücher, z. B. unter dem Titel Useful Photography – brauchbar für wen und wozu? Ja, komisch ist es schon, wenn sich eine sonst bürgerlich anmutende Frau für ihre Porträts stets angezogen in ein Schwimmbecken begibt. Wir wundern uns ausnahmsweise für fünf Sekunden.

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In Margret – Chronik einer Affäre zeigt ein Kontrollfreak fade Knips-Bildchen seiner unglaublich hoch toupierten hübschen Geliebten zusammen mit öden Protokollen ihrer heimlichen Affaire. Es wird kein Roman daraus, nicht einmal ein spannendes Geschichtchen.

Schliesslich benennen Markus Schaden und Richard Sporleder einschlägige „Photobooks we love“. Gelegentlich werde ich Richard fragen, ob er nicht paar schönere und anregendere Bücher im Angebot hat. Eine Liste Kölner Foto-Archive beschliesst das Heft.

Dann kommen, sagen wir, Stéphane Duroy oder Viktor Kolář daher und zeigen ihre wunderbaren Fotografien – schon brauche ich das ganze obige Kopf-Gedaddel nicht mehr. Und was hätte L. Fritz zur Zeitschrift gesagt, nämlich L. Fritz Gruber? Er hätte milde gelächelt und sich bemerkenswerten (Autoren-)Fotografien zugewendet. Weiterempfohlen hätte er LFritz trotzdem. Das tue ich hiermit auch, denn die konzisen Beiträge sind sehr informativ und regen zur Auseinandersetzung an.

  • Titel: LFritz No.2
  • Untertitel: Das Magazin der Photoszene
  • Bildautor: (diverse)
  • Textautor: (diverse)
  • Herausgeber: Internationale Photoszene Köln
  • Gestalter: Studio Carmen Strzeletzki
  • Verlag: V8 Verlag
  • Verlagsort: Köln
  • Erscheinungsjahr: 2015
  • Sprache: deutsch, englisch
  • Format: 33,5 x 24 cm
  • Seitenzahl: 56
  • Bindung: Zeitschrift, klammergeheftet
  • Preis: gratis
  • ISBN: (ohne)

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