Kunst mit realen Nazis

Piotr Uklanski zeigt Bestien in Menschengestalt

Uklanski_SU

Kunst zum Thema Nationalsozialismus ist immer eine heikle Sache: eine Verherrlichung der Protagonisten oder eine Marginalisierung ihrer Taten wäre katastrophal, eine unkritische Haltung sowieso. Leicht kann man den ausgefeilten, gern mit Bildern argumentieren Propagandastrategien von Hitler und Goebbels auf den Leim gehen. Piotr Uklanski gelang 1999 mit dem Künstlerbuch The Nazis eine überzeugende und ambivalente Auseinandersetzung, denn es zeigt Standfotos aus Filmen, in denen bekannte Schauspieler die Rollen von Nazis, meist in Uniform, verkörpern. Kleidung, Körpersprache, Bildgestaltung: alles passt, wenn nicht Burton oder Belmondo zu sehen wären. Zur documenta 14 präsentiert Uklanski nun eine Art Fortsetzung, dieses Mal nicht mit fiktiven, sondern mit realen, wiederum fast immer uniformierten Nazis.

The Nazis, 1999, und Real Nazis, 2017

The Nazis, 1999, und Real Nazis, 2017

Uklanski_Lachende

Uklanski_Beuys

In Kassels Neuer Galerie sind 203 hochformatige Porträts wie Kacheln in ein dichtes Raster mit Hitler als Zentrum angeordnet. Es überwiegen farbige Darstellungen als Zeichnungen oder Fotos, zum Beispiel wie sie von Walter Frentz von Offizieren aufgenommen wurden. Es sind auch einige Frauen darunter, dezenter Hinweis, dass die menschenverachtende Ideologie keine reine Männersache war. Für weitere irritierende Momente sorgt ein Foto von August Sander, das er nach 1945 dem Typus Nationalsozialist zuordnete*, ein Bild einer Kollaborateurin mit Hakenkreuz auf der Stirn aus der Zeit nach der Befreiung, oder die Einbeziehung des Wehrmachtsfliegers Joseph Beuys. Die irritierenden Momente werden in dem zeitgleich zur Ausstellung erschienenen neuen Künstlerbuch gesteigert, denn hier sind zusätzlich eher zivile Motive zu finden, die andeuten: die Nazis waren auch nur Menschen. Uklanski schreibt im Vorwort, dass sein Großvater in einem KZ inhaftiert war und dass er die Verwendung von Farbfilm für die damalige Propagandaarbeit bemerkenswert findet, weil die Menschen als „normal“ aus Fleisch und Blut präsentiert werden. Bestien stellt man sich eher anders vor, nicht so, wie den unscheinbaren Adolf Eichmann mit Bürokratenvisage, eher schon so, wie die Soldaten mit Schutzmasken vor dem Gesicht, die wie aus Hollywoodfilmen entlaufene Psychopathen wirken (wobei sich der Kreis zum Buch von 1999 schließt).

Uklanski_Frauen

Uklanski_Hund
Uklanski spielt also mit Schein und Sein. Das neue Buch beginnt mit Kollaborateuren, denen man Hakenkreuze aufgemalt hat und einem in Südfrankreich ein Bild malenden Wehrmachtsoffizier und endet mit einer Doppelseite eines weiteren Kollaborateurs und eines als erledigt durchgestrichenen Hitlers, Gräbern vor Abendhimmel und einem vom Schimmel angefressenen Bild eines SS-Oberscharführers, das für das Verblassen der Erinnerung stehen mag. Das bloße Aneinanderreihen der vielen Naziporträts bzw. Nazi-Motive mit Spurenelementen schwarzen Humors wirkt in der Tat erschreckend. Ob das unter Bezugnahme auf die heutige politische Lage, in der sich in vielen Ländern bedrohliche Führerkulte bilden, eine aktuelle Aussage ermöglicht, sei dahingestellt.

Installation von Uklanskis Arbeit zur documenta 14 in der Neuen Galerie, Kassel, 2017

Installation von Uklanskis Arbeit zur documenta 14 in der Neuen Galerie, Kassel, 2017

Eintrag zu Uklanski auf der Website der documenta 14, abgerufen 23.6.2017

Eintrag zu Uklanski auf der Website der documenta 14, abgerufen 23.6.2017

Olympia - Fest der Völker, Illustrierter Film-Kurier (Berlin), Nr. 2792 (Hervorhebung TW)

Olympia – Fest der Völker, Illustrierter Film-Kurier (Berlin, 1938), Nr. 2792 (Hervorhebung TW)

Mich überzeugt die Arbeit Uklanskis nicht mehr, vor allem, seitdem mir der Fotograf Dieter Hinrichs mitgeteilt hat, dass Uklanskis zweiter Beitrag für die documenta 14 in Athen einen entscheidenden Fehler enthält: die dort gezeigten Fotos aus dem Prolog des Olympia-Films von Leni Riefenstahl werden in der Ausstellung eben Leni Riefenstahl zugeschrieben. Die von Riefenstahl vereinnahmten Fotos stammten aber, und das hätte sich leicht recherchieren lassen, von Willy Zielke (1902-1989). Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Übergehen der Vereinnahmung Zielkes zum Konzept von Uklanski gehört. Die verschleiernde Propaganda der Real Nazis wirkt also noch immer, sogar auf Kunst von documenta-Rang …

 

* Die FAZ vom 9.6.2017 machte Sander in ihrer Berichterstattung zur d14 zum „Parteimitglied“, was an der missverständlichen Beschriftung der Installation liegen dürfte. Im Buch sind sogar drei Sander-Fotos von Nazi-Typen enthalten.

 

  • Titel: Real Nazis
  • Untertitel: 
  • Bildautor: diverse Fotografen und Bildquellen, Zusammenstellung Piotr Uklanski
  • Textautor: Piotr Uklanski
  • Herausgeber: Piotr Uklanski
  • Gestalter: Hanna Williamson-Koller
  • Verlag: Edition Patrick Frey
  • Verlagsort: Zürich
  • Erscheinungsjahr: 2017
  • Sprache: englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 272
  • Bindung: Hardcover, illustrierter Schutzumschlag
  • Preis: 52 Euro
  • ISBN: 978-3-906803-52-4

Hinterlasse eine Antwort