Literatur ohne Worte

Mit Krass Clement unterwegs in Ostberlin

Clement_Cover

Zum Jahresende erschien ein neues Buch von Krass Clement. Es ist derzeit nicht im normalen Handel zu bekommen, sondern nur in Spezialsortimenten zu finden, weil der Verlag an einem problemlosen internationalen Vertrieb der Werke eines seiner wichtigsten Autoren nicht interessiert zu sein scheint. Die Auflagen von Clements Büchern waren bislang ohnehin niedrig und schnell ausverkauft… Durch die kürzlich erfolgte Aufnahme des beinahe schon legendären Buches Drum (1996) in die Reihe der Errata-Studienausgaben dürfte das Interesse an dem faszinierenden Werk des Dänen weiter steigen.

Die neue Bilderzählung spielt in Ostberlin, was aber im Buch namentlich nicht erwähnt wird. Die Fotos sind nicht datiert, aber nicht zeitlos. Die deutsche Titelzeile „Auf Gestern warten“ ist die Übersetzung des dänischen Titels und deutet den Schauplatz in vertrackter Weise an. Wo ließe es sich besser auf das Gestern warten als in einer Stadt der untergegangenen DDR, von der ja manche Leute behaupten, dass dort früher alles besser gewesen sei? Man wird vergeblich warten und das ist auch in Clements Buch zu spüren. Zu schäbig die Gebäude, zu düster die Stimmung, als da noch eine Chance auf die Rückkehr besserer Zeiten wäre. Mehrfach werden einzelne Motive wiederholt, mal gegenübergestellt auf einer Doppelseite, mal in einer über das ganze Buch verteilten Sequenz. Man wartet, man wartet weiter, ein Mann geht vorbei, ein Baum verdeckt die Sicht, man tritt von einem Fuß auf den anderen und der Baum steht immer noch im Weg, auch wenn man links jetzt etwas weiter sehen kann, der Mann kommt zurück. Ein Türspalt gibt den Blick frei auf eine Frau, die sich an- oder auskleidet. Wartet da ein Voyeur oder ein Kunde? Warum wird das überhaupt fotografiert? An einer Stelle wird ein Schwarzweißfoto einer nackten Frau vorgezeigt: Handelt das Ganze etwa davon, die Liebe wiederzufinden? Das warme Gelb der Straßenlaternen spendet einen Hoffnungsschimmer, aber kein Licht, an dem man sich orientieren könnte.

Es gibt neben Clement kaum einen zweiten Autoren, der durch seine Fotos, deren Auswahl und Anordnung in einem minimalistisch-klaren Layout ein Buch so unter Spannung setzen kann, dass es den Betrachter völlig gefangen nimmt. So wandert man mit dem Fotografen durch eine zeitlose, etwas marode wirkende Großstadt. Erneut vertraut der Geschichtenerzähler (fast) ausschließlich der Magie seiner Bilder. Etwas Text gibt es doch, denn außer dem Titel öffnen drei dänische Worte am Anfang der Bildstrecke den gedanklichen Raum, in dem der Fotograf den Betrachter zurück lässt: „Erindring – Forestilling – Virkelighed“ (Erinnerung – Phantasie – Realität). Die Fotografie steht dafür, dass etwas in der Realität da war. Jeder mag sich an das Gewesene anders erinnern und sich den Fortgang der Geschichte anders ausmalen. Krass Clements Andeutungen über das Warten, über das Suchen und Finden, über die Macht der Erinnerung regen die Phantasie an wie nur große Literatur es vermag.

  • Titel: Venten på i går – Auf Gestern warten
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Krass Clement
  • Textautor: 
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Camilla Jørgensen, Krass Clement
  • Verlag: Gyldendal
  • Verlagsort: Kopenhagen
  • Erscheinungsjahr: 2012
  • Sprache: dänisch, (deutsch)
  • Format: 
  • Seitenzahl: 136
  • Bindung: illustriertes Halbleinen
  • Preis: 399,95 Dänische Kronen (ca. 54 Euro)
  • ISBN: 978-87-02-13051-5

4 Antworten zu Literatur ohne Worte

  1. Bei der Zusammenstellung der Bilder für dieses Buch über
    Berlin ist anscheinend ein Fehler unterlaufen:
    die berühmte Kneipe „Ritze”, welche auf dem Bild auf der letzten rechten Seite in diesem Blog zu sehen ist, befindet sich in Hamburg St.Pauli und nicht in Berlin.
    Viele Grüße

  2. In diesem Buch sind wohl leider noch mehr Zuordnungsfehler:
    das Bild auf der drittletzten Seiten oben vom “X-CARREE” ist in Halle an der Saale und nicht in Berlin enstanden.
    Grüße

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