Noble Intensität

Eine Berliner Porträtfotografin der 1920er Jahre

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Die Berlinische Galerie zeigt derzeit in einem Kabinett Porträtfotografien von Steffi Brandl (1897–1966). Die aus Mährisch-Ostrau stammende Fotografin erhielt ihre Ausbildung in Wien bei Trude Fleischmann, zog dann nach Berlin, wo sie ihre künstlerische Hochform erreichte. 1938 entkam sie den Nazis nach New York. Ihre Fotografien beeindrucken nicht nur durch die grosse Präsenz der dargestellten Künstler der zwanziger und dreißiger Jahre und die prägnante künstlerische Sicht, sondern auch durch die Ausführung auf den schönen damaligen Papieren mit hohem Silbergehalt. Es sind Atelieraufnahmen, die heute eher konservativ anmuten und auch ihre zeitliche Herkunft nicht verbergen können, die dennoch eine bezwingende Wirkung ausüben. Mehrheitlich sind es Brustbilder, und oft sogar konzentriert sich die Fotografin auf die Köpfe ihrer Modelle. Die Bild-Hintergründe sind zunächst dunkel, später hell, es gibt keine Requisiten, keine Theatralik, nicht einmal die Kleidung spielt eine Rolle. Es ist eine noble Ästhetik. Die Konzentration auf das Gesicht zeigt, wie Steffi Brandl sich ganz ihrem Gegenüber zuwendete, und die Protagonisten erwidern diese Konzentration. Aus allem folgt eine Aura, die sich aus Inhalt, Form, Stil und handwerklicher Qualität zusammensetzt.

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Der Nachlass aus den Berliner Jahren gelangte in die Berlinische Galerie, die nunmehr Licht auf das Werk und das Leben der Fotografin werfen kann. Die Publikation dazu ist kein opulentes Fotobuch zum Schwelgen in den Bildern, sondern ein „Forschungsbericht“, ermöglicht durch das Thomas Friedrich-Stipendium. Stipendiatin und Autorin des Werkes ist Elke Tesch.

Die bekannten Lebensdaten sind sehr karg, dennoch versucht Elke Tesch, ein Bild der Künstlerin zu entwerfen. Ihre Arbeit in Berlin wird in den Kontext von anderen bedeutenden Porträtisten der Stadt gesetzt, u.a. Alexander Binder, Frieda Riess, Lotte Jacobi, Yva. Unter diesen war Steffi Brandl offenbar die Jüngste, 29 Jahre alt als sie in Berlin ankam. Ihre Kundschaft bestand vorwiegend aus der damaligen Prominenz mit teils heute noch bekannten Namen: Adolf Loos, Otto Klemperer, Paul Dessau, Renée Sintenis, auch Colette (wie es dazu kam, scheint unbekannt), dazu viele Schauspielerinnen und Tänzerinnen. In einer knappen Werkanalyse versucht Elke Tesch der künstlerischen Eigenständigkeit des Werkes auf die Spur zu kommen.

Das Buch ist recht „voll“, denn der Text in deutsch und englisch steht in zwei Spalten nebeneinander, auch die Bildunterschriften sind doppelt, fast redundant, wahrscheinlich den wissenschaftlichen Gepflogenheiten folgend. Leider fehlen die Grössenangaben der Abzüge, nur im Text steht vage „aus den Massen 18 x 24 cm beschnitten“. Das Buch hat wenig Weissräume zur Entspannung der Augen. Allerdings sind viele Fotografien ganzseitig abgebildet. Der Druck (in den Niederlanden) ist gut, kann den Schmelz der Originale zwar nicht erreichen, lässt ihn aber erahnen.

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Es bleibt ein Leben in Bruchstücken, das so viele jüdische Künstler im 20. Jahrhundert erlitten. Selbst dies blieb nicht aus: Steffi Brandls Schwestern, die Zwillinge Annie und Lilly kamen in Auschwitz zu Tode. Eine weitere Schwester, Nora, entkam nach London; sie übereignete die Berliner Bilder an die Berlinische Galerie (der Kaufpreis wird nicht genannt). Als die Fotografin mit knapp 69 Jahren in New York verstarb, hiess es in einem Nachruf, „she achieved considerable fame … as a portrait photographer, accomplishing highly sensitive and individual studies of leaders in art, sciences and professions.“ Weshalb die Verstorbene als 60-jährig bezeichnet wurde, erklärt das Buch nicht. Auch über ihre Lebensumstände, etwa über die Ehemänner Brandl und Olsen erfahren wir nichts – der Mensch Steffi Brandl bleibt uns entrückt.

  • Titel: Steffi Brandl
  • Untertitel: Eine Berliner Porträtfotografin
  • Bildautor: Steffi Brandl
  • Textautor: Elke Tesch, Vorwort Thomas Köhler/Ulrich Domröse
  • Herausgeber: Berlinische Galerie, Museum für Moderne Kunst
  • Gestalter: Manfred Heiting
  • Verlag: Berlinische Galerie
  • Verlagsort: Berlin
  • Erscheinungsjahr: 2016
  • Sprache: deutsch, englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 80
  • Bindung: Illustriertes Hardcover
  • Preis: 24,50 Euro
  • ISBN: 978-3-940208-37-8

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