Noch mehr Photobooks…

Referenzliste, Sammlungskatalog oder Einkaufsführer?

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Die neueste Welle des entfesselten Fotobuch-Tsunami kommt aus der Schweiz. Das Sammler-Ehepaar Michel und Michèle Auer möchte sich mit dem kleinen, aber dicken schwarzen Büchlein „Photobooks“ unter die maßgeblichen Referenzwerke einreihen. Das Konzept des 802 Titel von 1760(!) bis 2007 enthaltenden Bandes lautet, aus der 20000 Titel umfassenden Bibliothek Auer eine gewisse, wie auch immer begründete Auswahl vorzulegen. Ergebnis ist nicht mehr als eine von vielen Möglichkeiten, wie man die Bücherflut mit System eindämmen könnte. Auf der halben Textseite am Anfang (mehr Text gibt es nicht!) ist von nahezu unendlicher Vielfalt die Rede und davon, dass man mehr als die Hälfte der präsentierten Titel nicht bei Parr/Badger, Roth und im Open Book finden könne. Warum aber nicht mehr „Unbekanntes“, warum verschwenden die stolzen Autoren fast die Hälfte des Werkes an Reprisen?

Soviel zur Grundstruktur: Die vorgestellten Bücher sind chronologisch geordnet und jeweils mit den gängigen bibliografischen Angaben versehen; Zweitauflagen und Ähnliches findet man hier genauso wenig wie bei Parr & Co. Immerhin gibt es ein Register von Namen und Titeln. Darf man über die zahlreichen Ungenauigkeiten und Flüchtigkeitsfehler wie Art statt Aart Klein oder Rudoldolf statt Rudolf Koppitz hinwegsehen? Nein, eigentlich nicht – und bei jedem Lesen fallen neue Fehler auf. Leider ist das Auersche Buch nicht, wie seine Vorgänger oder Konkurrenten, eine Augenweide. Es ist nicht gerade optimal gedruckt, die Abbildungen wurde zuweilen schlampig reproduziert und ohne festes Konzept layoutet. Mal sind Einzel- oder Doppelseiten, mal die Schutzumschläge zu sehen, mal die nackten Einbände (sollte es etwa der Auerschen Bibliothek den berühmten Schutzumschlägen für das Schwarze Revier von Heinrich Hauser oder für die Deutsche Arbeit von E.O. Hoppé ermangeln?). Das vergleichsweise winzige Postkartenformat tut das Übrige, um einen optisch ansprechenden Eindruck zu verhindern.

Die Auswahl ist – wie immer bei Büchern über Bücher – subjektiv und kritisierbar: Michael Schmidts erstes Kreuzberg-Buch (1973 erschienen, die von Auer genannte Ausgabe ist schon die zweite) mag für die Sammler des Schmidtschen Œuvres wichtig sein, als Fotobuch ist es dies bestimmt nicht. Warum wohl das DU-Heft über Herbert List enthalten ist? Hat List wirklich sonst nichts Zeigenswertes zu Stande gebracht? Warum fehlt schon wieder Arvid Gutschows See, Sand, Sonne? Pure Subjektivität in der Auswahl der präsentierten Bände ist als Konzept zu wenig; etwas mehr fachlicher Tiefgang wäre ganz schön gewesen. So entsteht der zwiespältige Eindruck, dass einerseits ein vor allem für die ältere Zeit stolzer Katalog der schönsten und seltensten Stücke aus Auers Bibliothek vorliegt – sollte diese etwa demnächst zum Verkauf stehen? Andererseits dokumentiert das „Photobook“ Fehlstellen, wenn den Sammlern Bücher wie Licht über Hellas von Herbert List nicht bekannt sind oder sie diese nicht für präsentabel halten.

Die Schwerpunkte sind selbstverständlich anders gelegt als bei Parr & Co, auch wenn das bei den Büchern vor 1950 oder gar vor 1900 schwierig ist, denn für diese Jahre sind nicht wirklich viele Neuentdeckungen und Lückenschlüsse zu erwarten. Bei Auer sind Schweizer Fotobücher sehr gut vertreten, es gibt reichlich Japanisches und auch einigen von Parr ausgelassenen Titeln widerfährt Genugtuung (z.B. Open Passport von John Max oder London von Tony Armstrong Jones). Innerhalb der Chronologie gehen an sich aufschlussreiche, bei den anderen eher unterbelichtete Kategorien wie Kinderbücher, Städteportraits, Firmenschriften, Erotisches und Künstlereditionen in Kleinstauflagen unkommentiert auf (und unter).

Wer sich als Anfänger mit Fotobüchern beschäftigt, kann das Auersche Werk als eine Art kurzgefasste Referenzliste und Einkaufs(ver)führer verwenden (es hat sogar Taschenformat für den nächsten Besuch der einschlägigen Verkaufsstellen…). Der Novize muss schließlich seine Erfahrung selbst erarbeiten und sein eigenes Urteilsvermögen – auch an Fehleinschätzungen – schulen. Denn das Buch gibt über die winzigen Abbildungen und die bibliografische Daten hinaus keinerlei Hilfestellung. Fortgeschrittene und Antiquare werden wissen, wie die inhaltlich diskussionswürdige, spartanische Bücherliste einzusetzen ist.

  • Titel: Photobooks
  • Untertitel: 802 photo books from the M. + M. Auer collection
  • Bildautor: 
  • Textautor: Michel und Michèle Auer
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: 
  • Verlag: Editions M + M
  • Verlagsort: Hermance (Schweiz)
  • Erscheinungsjahr: 2007
  • Sprache: französisch, englisch
  • Format: ca. 10,5 x 14,8 cm
  • Seitenzahl: 840
  • Bindung: Hardcover
  • Preis: 36 Euro
  • ISBN: 9782970057406

Eine Antwort zu Noch mehr Photobooks…

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