Propaganda aus Kassel

Hessentag 2013 – Das Fotobuch

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Auf manche Fotobücher muss man eben etwas länger warten. Unverhofft kommt man dann doch noch dazu und freut sich über das Glück, zu den Besitzern der lang entbehrten Drucksache zählen zu dürfen.

Im Juni 2013 war in Kassel Hessentag, ein vom Land Hessen erfundener Jubeltag mit Konzerten, Ausstellungen, hunderten Veranstaltungen und abschließend einem aufwändigen Festzug, den der Hessische Rundfunk immer live im Fernsehen überträgt. Das hat seinerzeit den Ministerpräsidenten dermaßen euphorisiert, dass er und seine Frau den in einer stickigen Kabine den Festzug kommentierenden, schwitzenden Fernsehreportern ein Eis spendierte! War damals alles live auf Sendung. Um Danke zu sagen und die schönen Festtage nochmals Revue passieren lassen zu können, ließ die Stadt Kassel das reichlich beauftragte Bildmaterial dieser guten Tage zu einem Prachtband verdichten. Dieser wurde gleich nach Erscheinen von einem polemischen Rezensenten der Heimatzeitung einem anschließend im Internet heiß diskutierten Verriss unterzogen (HNA Kassel, 17.12.2013). Der Beitrag schloss im Original mit dem Hinweis, dass sich die Bürger ein Exemplar des Buches, „solange der Vorrat reicht“, beim Rathauspförtner abholen könnten. Was ich tun wollte. Doch weit gefehlt, das Erscheinen der Publikation war damit zwar öffentlich geworden, aber keines der 3000 Exemplare war mehr zu bekommen. Wurde es etwa wegen der Kritik des Lokaljournalisten unter Verschluss gehalten? Gestern hat es dank freundlicher Nachbarn aber doch noch geklappt. Soweit die Vorgeschichte zur Erklärung, warum wir erst jetzt dieses Werk vorstellen können. Das gesuchte Buch heißt: Hessentag 2013 – Das Fotobuch.

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Burkhard Holz, der Rezensent der Heimatzeitung, verglich die 2013 gedruckte Version mit dem Neuen Deutschland zum Auftakt der Leipziger Messe im März 1987, einer Ausgabe, in der Erich Honecker über 40mal abgelichtet worden sei. Der Kasseler Oberbürgermeister sei 2013 öfters, angeblich 91mal, zu entdecken, sogar beim Bungeesprung. Aber so dynamisch will man doch die Politiker sehen! Überhaupt war der Vergleich mit einer Publikation aus der DDR nicht falsch; nicht nur die Omnipräsenz des Oberhaupts und der ewig lachenden offiziellen Maskottchen, Stadträte, Organisatoren, Honoratioren und sonstigen Protagonisten sind Ingredienzien typischer Staatspropaganda. Auch das praktische Rasterlayout und die Vorliebe für vollfarbige Flächen, hier als Hilfe für die Zuordnung von Bild und Hessentags-Schauplatz, kennt man spätestens seit den 60er-Jahren aus Propagandapublikationen, und das nicht nur aus sozialistischen, sondern auch aus kapitalistischen Staaten. Wenn man die Konsumpropaganda, sprich: Werbung, mit einbezöge, könnte man das Bezugsfeld der Kasseler Hessentagspublikation noch erweitern. Die ganze Veranstaltung war vom Steuerzahler und von Sponsoren subventioniert, der Zuspruch der Bevölkerung war gut, die Nachhaltigkeit durch den Ausbau eines Radwegs und vielleicht noch ein paar andere Infrastrukturänderungen gegeben. Warum dann nicht zu den bewährten gestalterischen Mitteln der Bildpropaganda greifen, um die Erfüllung des Plans zu melden und für die Nachwelt festzuhalten? Bewusst ist auf erläuternde Texte verzichtet worden. Bilder, Bildauswahl und Layout sind im Sinn des Auftrags selbsterklärend: alles easy, alles lief bestens!

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Man darf das Werk in Konzeption und Gestaltung durchaus in den Traditionen und Konventionen osteuropäischer Bücher sehen, deren Aufgabe es war, erfolgreich abgeschlossener Veranstaltungen zu feiern. In Kassel fehlten lediglich die früher üblichen, zu eindrucksvollen Bildern choreographierten Massenszenen. Sieht man sich zusätzlich noch die Filme auf der beiliegenden DVD an, verstärkt sich der Eindruck, dass der Schritt zum Genre der Fotobücher über tschechische Spartakiaden, baltische Sängerfeste und die legendären Weltjugendfestivals nicht weit ist. Das in sich völlig schlüssige, daher sehr gelungene Kasseler Buch in seinem modernisierten, gefälligen Retrostil à la Realsozialismus kommt heiter, aber ohne Ironie daher. So kann, nein, so muss Werbung in eigener Sache aussehen. Das dem gedachten Zweck wirklich perfekt dienende Fotobuch wird Bestand haben, selbst wenn man dereinst gar nicht mehr wissen sollte, was ein Hessentag ist. Das Warten auf dieses schöne Stück Stadtpropaganda hat sich gelohnt!

 

PS Weil es so schön war, gab die Stadt Kassel gleich noch ein Buch zum zweiten Hauptereignis des Jahres 2013 heraus. Die 1100-Jahrfeier wurde in einem kleinen, fest gebundenen, in einem professionellen Verlag erschienenen, unter Mitwirkung eines Designprofessors entworfenen, komplett in Kleinschreibung gesetzten, selten das Stadtoberhaupt, vor allem aber die Bürger zeigenden Bildband gewürdigt. Eine biedere, brave Dokumentation, leider keine Propaganda und vergleichsweise langweilig.

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  • Titel: Hessentag 2013 – Das Fotobuch
  • Untertitel: 14. bis 23. Juni Hessentag 2013 in Kassel
  • Bildautor: diverse (Soremski, Schachtschneider, Weber, Haberzettl, Merz)
  • Textautor: Bertram Hilgen (Vorwort)
  • Herausgeber: Magistrat der Stadt Kassel
  • Gestalter: Soremski, Janda
  • Verlag: (Eigenverlag des Herausgebers)
  • Verlagsort: Kassel
  • Erscheinungsjahr: 2013
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 150
  • Bindung: illustriertes Softcover, DVD als Beilage
  • Preis: (gratis)
  • ISBN: ohne
  • Titel: eine stadt. ihre menschen. ihr fest.
  • Untertitel: kassel 1100 in bildern
  • Bildautor: (diverse)
  • Textautor: (büro 1100)
  • Herausgeber: stadt kassel / büro 1100
  • Gestalter: visulabor
  • Verlag: B & S Siebenhaar Verlag
  • Verlagsort: Berlin
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 128
  • Bindung: illustriertes Hardcover, DVD als Beilage
  • Preis: 9,99 Euro

  • ISBN: 978-3-943132-24-3

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