Unbehaglich

Grenzen sind überall – das zeigt der Band „Über Grenzen“

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Eine der ausgelutschtesten Metaphern im Kunstbetrieb ist ja die von der „Überschreitung der Grenzen“: Von einem guten Künstler wird selbige erwartet, was gleichgesetzt wird mit Unangepasstheit, Aufmüpfigkeit und Unabhängigkeit. Natürlich regt sich niemand darüber auf und wenn doch, dann ist es schnell verpuffende Attitüde. Woraus ersichtlich ist, dass Kunst und Leben nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben. Die Übertretung von Grenzen im wahren Leben kann demhingegen leicht zu Unannehmlichkeiten führen, wenn sie nicht gar den Tod dessen bedeutet, der einen Schritt zu weit in die falsche Richtung geht.

Um Grenzziehungen jeglicher Art geht es in dem Ausstellungskatalog Über Grenzen / On borders. Anhand eindrucksvoller Bildserien von 17 Fotoautoren der Agentur Ostkreuz illustriert er das Elend und Grauen, das von Grenzziehungen jeglicher Art ausgehen kann: Grenzen trennen das eine vom anderen, teilen, markieren und betonen Unterschiede, sortieren ein und aus. Zuerst sind die Grenzen im Kopf, dann folgen meist die realen Abgrenzungen: Etwa die Mauern, die Katholiken und Protestanten durch Belfast errichtet haben oder der Grenzwall zwischen dem kommunistischen Nordkorea und dem kapitalistischen Süden. Ausgrenzung bedingt Ghettoisierung, etwa in Tel Aviv, wo sich die Ausgestoßenen der Gesellschaft um den Alten Busbahnhof herum versammeln oder in den ehemaligen Staaten des Ostblocks, wo die Roma fast wie Freiwild behandelt werden. Auch die von ihren Eltern verlassenen Kinder in den Heimen Bulgariens sind von isolierenden Grenzen umgeben. Die Gitterstäbe an den Betten erinnern an Gefängnisse, was sie tatsächlich sind.

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Die Fotoreportagen und die zum Teil ergänzenden Essays klären auf, legen anhand markanter Beispiele den Finger auf Wunden, die man nur allzu gerne übersehen würde. Zurück bleibt ein Unbehagen. Warum? Weil einen jegliche Form von Ausgrenzung jederzeit selbst ereilen könnte.

PS Die gleichnamige Ausstellung ist bis zum 11. August 2013 im Deutschen Hygiene-Museum Dresden zu sehen.

  • Titel: Über Grenzen / On borders
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Ostkreuz (Jörg Brüggemann, Espen Eichhöfer, Sibylle Fendt, Annette Hauschild, Harald Hauswald, Pepa Hristova, Tobias Kruse, Ute und Werner Mahler, Dawin Meckel, Thomas Meyer, Julian Röder, Frank Schinski, Jordis Antonia Schlösser, Anne Schönharting, Linn Schröder, Heinrich Völkel, Maurice Weiss)
  • Textautor: Fabian Dietrich, Marcus Jauer, Andrea Böhm, Wolfgang Büscher, Ann-Christina Hartmann
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Jan Spading
  • Verlag: Hatje Cantz
  • Verlagsort: Ostfildern
  • Erscheinungsjahr: 2012
  • Sprache: deutsch, englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 294
  • Bindung: Softcover
  • Preis: 38 Euro
  • ISBN: 9783775734318

Eine Antwort zu Unbehaglich

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