Zwei neue Werke von Alec Soth

Fotobücher an der Grenze des Machbaren

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Ein Buch ist ein Buch. Punkt. Ein Buch ist ein Objekt und besteht aus Papier und Farbe, Pappe und Leinen. Es ist nicht durch einen am Bildschirm visualisierten Datenstrom zu ersetzen. Diese gute Nachricht übermittelt Alec Soth in dem ersten von seinen zwei neuen Büchern. Es handelt sich um die erste zusammenfassende, eine Ausstellung in Minneapolis begleitende Monografie des amerikanischen Fotografen. Weiß auf rot sind einige Seiten eingestreut, auf denen Zitate von Soth´ Blog zu allen möglichen Fragen zu finden sind, von der Wahl der Kamera bis hin zur Aussprache seines Namens und, genau an der richtigen Stelle inmitten der Bibliografie platziert, zur Zukunft des Fotobuchs, wie sie Soth sieht (S.207). Der Band trägt auf der Vorderseite des Einbands sein Inhaltsverzeichnis im Stil eines Magazins inkl. der Kontaktdaten des Fotografen und auf der Rückseite eine aufgeklebte Karte mit einem Vorschautext. Als Zugabe wird ein 48seitiges Booklet namens „The Loneliest Man in Missouri“ angekündigt und in der Tat findet sich das dünne Heft eingeschoben in eine Tasche auf dem hinteren Vorsatz. Ähnliche Arbeiten hatte Soth im Mai 2010 auf dem Fotobuchfestival in Kassel vorgestellt. Das „Artist Book“ erzählt eine lakonische Geschichte in Bildern mit kurzen handschriftlichen Erläuterungen von der Idee, einen einsamen Mann zu finden, bis zum Happy End. Darf man diese visuelle Short Story als Verneigung von Soth vor seinem Kollegen Paul Graham interpretieren? Das eigentliche Buch dokumentiert neben frühen Schwarz-Weiß-Arbeiten von Soth weitere Zyklen in längeren Bildstrecken: „Sleeping by the Mississippi“, „Niagara“ und, ganz neu und fast schon wieder vergriffen, „Broken Manual“, alles unter dem Oberthema USA. Dazwischen gibt es Textbeiträge, die Soth in die große Tradition der amerikanischen narrativen Fotografie einordnen oder seine Arbeitsweise erläutern. Die Monografie bietet also nicht nur ein eigenwilliges künstlerisches Statement, sondern auch einen reichen kunsthistorischen und bibliografischen Serviceteil, der einem Künstler im Range von Alec Soth angemessen ist.

„Broken Manual“, das zweite neue Werk von Soth, ist ein weiteres leidenschaftliches Statement für das traditionelle Fotobuch. Inhaltlich geht es um das Leben als Outsider und Einsiedler. Soth fotografierte, Lester B. Morrison schrieb die eng mit den Bildern verschränkten Texte. Das „Handbuch zum Ausstieg“ kommt in kongenialer Form daher: äußerlich wie eine Examensarbeit mit Leinenrücken gebunden (allerdings stabil fadengeheftet), handschriftlich oder unter Verwendung einer Times aus der Frühzeit des PC typografisch gestaltet und auf drei verschiedenen Sorten Papier gedruckt, wobei die Bilder auf dickem, an den Karton aus Fotoalben erinnerndem matten Material stehen, manchmal aber durch eine glänzende Lackierung hervorstechen. Durchgehend wurden die Seiten kunstvoll mit täuschend echt wirkenden Flecken und Benutzungsspuren bedruckt, kurz, die Herstellung des auch im Neuzustand wie abgegriffenen wirkenden Handbuchs dürfte alle daran Beteiligten kurz vor den Wahnsinn getrieben haben. Soth feiert mit diesem ganz und gar nicht alltäglichen, schlicht wirkenden, aber rein technisch hoch komplizierten Werk das Buch als Objekt. Wenn es nicht so perfekt passen würde, könnte man kritisieren, dass der Inhalt droht, gegenüber der Form zurückzutreten. Das Ganze wird durch die Herausgabe einer auf 300 Exemplare limitierten Sonderedition des Buches gekrönt, bei der das Werk in einem ausgehöhlten größeren Buch geliefert wird – auch dies passend zum Eremitenthema von Soth und Morrison. Wen nur die Bilder interessieren, der wird diese auch in dem gestalterisch nicht minder reizvollen, umfassenderen und preiswerteren Buch zur Ausstellung finden.

Mit derartigen, als Monografie oder Künstlerbuch jeweils kompromisslosen Büchern werden die Grenzen des Machbaren ausgelotet und gleichzeitig Maßstäbe für die Produktion gesetzt. Angesichts solcher Werke muss es einen nicht Bange um die Zukunft des (herkömmlich im Offsetverfahren gedruckten) Fotobuches sein!

 

 

  • Titel: Broken Manual
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Alec Soth
  • Textautor: Lester B. Morrison
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: 
  • Verlag: Steidl
  • Verlagsort: Göttingen
  • Erscheinungsjahr: 2010
  • Sprache: englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 132
  • Bindung: Softcover
  • Preis: 80 Euro
  • ISBN: 978-3-86930-199-0
  • Titel: From Here to There: Alec Soth's America
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Alec Soth
  • Textautor: Interview mit dem Künstler von Bartholomew Ryan, Texte von Geoff Dyer, Siri Engberg, August Kleinzahler, Bartholomew Ryan, Britt Salvesen, Barry Schwabsky
  • Herausgeber: Siri Engberg
  • Gestalter: 
  • Verlag: Hatje Cantz
  • Verlagsort: Ostfildern
  • Erscheinungsjahr: 2010
  • Sprache: englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 224 plus 48 (Beilage)
  • Bindung: Hardcover
  • Preis: 49,80 Euro
  • ISBN: 978-3-7757-2750-1

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