Zwischen Fremdbestimmung und Selbstwahrnehmung

Das gelungene Debut von Catrine Val

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Hier werden Mädchenträume wahr. Oder Frauenwünsche? Einmal die First Lady sein, die Eisprinzessin, der Filmstar oder das Model. In ihrem Fotobuch-Debüt schlüpft Catrine Val von einer Rolle in die nächste, von Seite zu Seite wechselt sie Kleidung, Haare und Make up. Spielerisch, experimentell inszeniert sie sich selbst in immer neuen Umgebungen. Stellt sich ihnen in immer neuen Posen. Die Ideen scheinen ihr dabei nicht auszugehen. Gerade noch folgt man ihr ins Museum, schon befindet man sich auf dem Lastwagenparkplatz, steigt in den Boxring oder besichtigt eine neoromantische Burg. Im Eiltempo durchkreuzt sie Sehenswürdigkeiten und Stadtlandschaften, Zeit zum Verweilen gibt es kaum.

Die Geschwindigkeit, die den Schaffensprozess Vals kennzeichnet, ist deutlich zu spüren. Gerade mal ein Jahr hat sie gearbeitet an diesem Projekt, hat täglich neu posiert, ihre Rolle als Künstlerin, Mutter, Frau hinterfragt, für den Moment gelebt, den das Foto ausmacht. Erst kurz vor Schluss, im dritten Teil des Buches, bleibt sie plötzlich stehen. Wackelig, in Highheels auf einer Schmuckschatulle. Ein Fragezeichen? Im Unterschied zu allen anderen Bildern sind hier nur ihre Füße zu sehen, nicht die ganze Figur. Anspannung statt Antwort.

Val hält die Balance auf schmalem Grad, zwischen stützender Komposition und verwegener Inszenierung, im Spiel mit den Sehgewohnheiten des Betrachters. Die dargestellten Frauen wirken merkwürdig deplatziert, leicht derangiert noch dazu. Ihre Kleidung passt nicht. Was wie Haute Couture auf den Körper geschneidert scheint, entpuppt sich auf den zweiten Blick als Kinderkleidung, Lampenschirm oder Küchenschürze. Pose und Outfit stehen im Kontrast zur Umgebung, fügen sich nicht ein, weder in banale Alltagssituationen, noch in romantische Parklandschaften oder moderne Architekturen. Die gezeigten Frauen versuchen Haltung zu bewahren, können ihre Rolle im gegebenen Kontext aber nicht erfüllen. Der Traum von der Eisprinzessin ist ausgeträumt. Hier geht es nicht um die Verwirklichung unerfüllter Wünsche oder selbst gesteckter Ziele, sondern um die Realisierung von Erwartungen, um den Konflikt zwischen Fremdbestimmung und Selbstwahrnehmung. Das Spektrum ist groß und geht weit über die 78 Abbildungen im Buch hinaus.

So ernst die Lage ist, Catrine Val begegnet diesem Konflikt mit Leichtigkeit und Witz. Ihr Versuch, allen Ansprüchen gerecht zu werden, lebt von den Gegensätzen und Übertreibungen, die das Thema auf die Spitze zwingen. Ein Fliegengewicht, das mit Steinen wirft. Ein Kampf mit abgeknicktem Laserschwert.

Ebenso detailreich und liebevoll ausgestattet wie die Bilder im Inneren ist auch der Einband gestaltet. Die Glanzschrift des Covers und der blassrosablaue Farbverlauf auf dem Haupttitel rufen Reminiszenzen an die eingangs erwähnten Mädchenträume wach. Auf dem Titelfoto allerdings posiert das Model in einem Haufen aus Styropor- und Pappabfällen wie zum Beweis, dass eigentlich alles Fake ist. Die quadratischen Fotos bespielen Doppelseite um Doppelseite. Einzelne weiße Seiten interpunktieren die Bildfolge und strukturieren im Zusammenspiel mit vollformatig gestalteten Seiten den Erzählfluss. Hinter dieser intuitiven Erzählweise kommt die Videokünstlerin zum Vorschein, die die Veröffentlichung auch gleich mit einem filmischen Making-of begleitet.

  • Titel: Feminist
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Catrine Val
  • Textautor: Barbara Vinken, Annie Goodner
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Kehrer Design (Loreen Lampe)
  • Verlag: Kehrer
  • Verlagsort: Heidelberg und Berlin
  • Erscheinungsjahr: 2012
  • Sprache: deutsch, englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 120
  • Bindung: Hardcover
  • Preis: 36 Euro
  • ISBN: 978-3868282900

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