Vorübergehend und erkenntnisreich

Jaroslav Pulicars Reisebilder aus dem europäischen Osten

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Der in Brünn/Mähren lebende Jaroslav Pulicar legt zwei Bücher vor, von denen mir eins ganz besonders gefällt: Efemeria. Der Autor hat vor allem den europäischen Osten bereist und seine Eindrücke neugierig und unverstellt festgehalten. Er hat einen elementaren Zugriff auf die Realität ohne Rücksicht auf technische Konventionen (Schärfe, Lichtverhältnisse, herkömmlichen Bildaufbau). Andererseits beeindruckt er durch seine blitzschnelle, intuitiv gute Bildgestaltung. Es ist eine manchmal sehr raue Sicht. Sie ist niemals voyeuristisch, sondern stets anteilnehmend seinen Protagonisten zugetan.

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Vorzugsweise sind es die Menschen, die den Fotografen faszinieren. Gern begibt er sich ins Getümmel kirchlicher Feste, zu Prozessionen, bei denen die Menschen religiöse Riten verrichten oder auch nur scheinbar unbeteilt herumstehen, unverständliche Konstellationen einnehmen. Es sind rätselhafte Bilder, die rätselhaft bleiben. Pulicar scheint zu fragen: Wo bin ich hier eigentlich? Was hat das alles zu bedeuten? Er gelangt nicht zu Antworten, aber er bringt seine Fragestellungen auf den (bildnerischen) Punkt und so können wir seine Verwunderung teilen.

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Die Welt zieht als Bildstrom an uns vorüber: triste, verregnete Landstrassen, ein unordentliches Arrangement von Tischen und Stühlen auf einem unschönen Gehweg, ein eigentümlicher Waldsaum mit dem Schatten eines Riesenvogels (nanu?), eine krude zusammen genagelte Leiter und überall die Menschen mit ihrem unverständlichen Tun. Eine junge Frau in kurzem, weißen Kleid blickt konzentriert am Fotografen vorbei, auf dem Rasen daneben sitzt ein älterer Herr im korrekten Anzug, weissen Socken und eleganten Sandalen. Zwei Männer schreiten vom Dunklen ins Helle, der eine trägt das Modell einer Kirche. Da kniet eine Frau auf dem Rasen, ein Mann und eine Frau gehen unbeeindruckt daran vorbei, im Hintergrund an einer Kirchmauer nehmen Priester die Beichte unter freiem Himmel ab. Oft wird das im Osten noch selbstverständliche und ungezwungene Nebeneinander junger, älterer und ganz alter Menschen beobachtet. Der Schatten des Fotografen ist mehrfach im Bild, als wolle er sagen: ich gehöre dazu, mit auf die Bühne dieses absurden Welttheaters.

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Sollte ich Jaroslav Pulicar  (* 1954) stilistisch verorten, würde ich ihn irgendwo zwischen Bernard Plossu und den Exiles von Josef Koudelka einordnen. Da der Fotograf weder nach Profit noch nach Ruhm suche, heisst es im Nachwort, sei er ein wenig isoliert. Tatsächlich ist er auch in seiner Heimat nur Insidern bekannt. Fotografen dieser Art, so meine ich, sollten mehr Aufmerksamkeit erhalten, denn sie dringen eher zum Kern der Fotografie vor, als die Vielen, die letztlich „angewandte Fotografie“ betreiben.

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Die vorwiegenden Querformate der Fotos sind randabfallend über beide Seiten gedruckt, aber der Bruch stört kaum, da sich das Buch wegen seines offenen Rückens plan aufschlagen lässt. Es gibt keine Bildlegenden, und was würde es auch bringen, wüsste man, wo jene Freiluft-Beichtstühle stehen, in Polen oder Transkarpatien.

Ich halte Jaroslav Pulicars Fotografien keinesfalls für ephemer, also nur kurzzeitig gültig, sondern sehe sie eher als „images à la sauvette“, Bilder im Vorrübergehen, wie das Henri Cartier-Bresson nannte, bevor er für seine Bildfindungen ein rigideres Konzept verfolgte. Wahrscheinlich wollte Pulicar mit dem Begriff betonen, dass die Ereignisse um uns herum flüchtig sind. Er hat sie bedenkenswert im Bild festgehalten.

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Ebenfalls sehenswert: Pulicar, das zweite 2020 erschienene Buch des Fotografen.

Ebenfalls sehenswert: Pulicar, das zweite 2020 erschienene Buch des Fotografen.

  • Titel: Efemeria
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Jaroslav Pulicar
  • Textautor: Lukás Bártl
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Martin Pulicar
  • Verlag: Helbich
  • Verlagsort: Brno
  • Erscheinungsjahr: 2020
  • Sprache: tschechisch, englisch
  • Format: 19 x 14,4 cm
  • Seitenzahl: 416 (unpaginiert)
  • Bindung: Broschur, fadengeheftet mit offenem Rücken
  • Preis: 32 Euro (erhältlich über: www.jaroslavpulicar.cz )
  • ISBN: 978-80-7609-011-8

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