Vom Zeigen und Beobachten in der DDR

Eine Ausstellung mit Fotos und Fotopublikationen in Gotha

In Gotha ist noch bis zum 3. Mai eine kleine Ausstellung über ein großes Thema zu sehen: die DDR. Unter dem Titel Vom Zeigen und Beobachten haben die beiden Kuratoren, der Fotograf Thomas Wolf (* 1967) und der Fotobuchsammler Karsten Wiecha (* 1968), in den beiden mittleren Etagen des Kunstforums Hannah Höch zwei Positionen zur Bildgeschichte des Landes zur Wirkung gebracht: Arbeiten von Jens Klein (* 1970), der sich mit Stasi-Archivmaterial beschäftigt und aus Repros alter Schwarzweißfotos Installationen schafft, die den grotesken Aufwand für die angeblich für die Sicherheit des Staates nötigen Observationen mit Ironie entlarvt. Da wurden Briefkästen und Passanten beobachtet und, mehr schlecht als recht, auf Film gebannt wie auch Luftballons, die Westpropaganda in den Osten transportiert hatten. Wenn man nicht wüsste, wie ernst es den DDR-Organen mit ihrem Tun war, könnte man die Bilddokumente dieses Kontrollwahnsinns als Kuriosität abtun – das Lachen bleibt aber im Halse stecken, damals war es bitterer Ernst, der viele Bürger wegen nichts in Haft brachte.

Eine ähnliche Tendenz des Vergeblichen durchzieht auch den auf der grandiosen, ca. 3300 Objekte umfassende Sammlung von Karsten Wiecha basierenden zweiten Teil der Ausstellung. Präsentiert werden Ausschnitte aus Prospekten, Katalogen und Büchern, die vor allem Waren anpreisen. Ergänzt wird der Blick in die Welt des Konsums durch Produkte purer Propaganda wie Bücher über einzelne Firmen, das Militär oder die Rolle der Frau in der sozialistischen Gesellschaft. Da der Etat in Gotha knapp bemessen war und Bücher ohnehin nicht einfach auszustellen sind, haben Wolf und Wiecha neben Standvitrinen mit Originalen auch Bilderrahmen mit Reproduktionen von gezielt ausgewählten Motiven bestückt, sodass man sowohl das gedruckte Objekt als solches sehen als auch mittels der Repros einen Blick hinein werfen kann. Zudem gibt es ein Blättervideo von einem skurrilen Verkaufskatalog aus der erzgebirgischen Spielwaren-, Musikinstrumenten-, Weihnachtsschmuck- und Kunstblumenindustrie. Und an einer mit DDR-Originalmöbeln ausgestatteten Leseecke liegen einige typische Publikationen zum Selbststudium aus. Heute ist klar, dass die warenanpreisenden Publikationen in ihrer Redlichkeit und in ihrem Pragmatismus selbst dann keine Chance hatten, wenn man versuchte, die westliche Werbewelt zu imitieren. Doch die gefundenen gestalterischen Lösungen sind sehenswert!

Ohne großen theoretischen oder historischen Überbau und ohne lange, verquaste Texte argumentiert die kleine, durch das Engagement der beiden Kuratoren besonders fein gewordene Ausstellung visuell, warum die DDR scheiterte: Jens Kleins Arbeit steht für das ewige Misstrauen, mit dem die SED-Oberen ihr Volk betrachteten und die bunten Drucksachen aus der Sammlung Wiecha deuten an, wie sich die Planwirtschaft mühte, die Konsumbedürfnisse über die Grundversorgung hinaus zu befriedigen – letztendlich waren aber sowohl harte Restriktionen als auch das als unzureichend empfundene Warenangebot nicht erfolgreich genug, um die DDR mit „Zuckerbrot und Peitsche“ stabil am Laufen zu halten. Selbstverständlich greift diese Sicht auf die komplexe geschichtliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte zu kurz, aber aus der Zuspitzung auf diese beiden Aspekten bezieht die Ausstellung ihre verblüffende Wirkung. Es ist zu hoffen, dass Vom Zeigen und Beobachten noch weitere Stationen bekommt, am besten dauerhaft dokumentiert durch einen üppig illustrierten Katalog…

Installation „Sunset“ von Jens Klein

Ausstellungsbereich „VOM ZEIGEN“

Kalendermotive „EXPORT“

Leseecke mit DDR-Bildpublikationen

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