Wie wurde in der BRD und der DDR zu ähnlichen Zeiten fotografiert? In der BRD avantgardistisch und subjektiv, in der DDR dem Sozialistischen Realismus verpflichtet? Ja, aber…
Ein von einem Fotobuch begleitetes, über mehrere Stationen bis 2029 tourendes Ausstellungsprojekt* ist weniger den Unterschieden, sondern mehr den Gemeinsamkeiten vorwiegend bildjournalistischer Fotografie in den beiden deutschen Staaten gewidmet. Das typografisch überraschend grobschlächtige Layout des Begleitbandes ist in pragmatischer Schlichtheit und in (nicht durchgehender) chronologischer Reihung aufgebaut: (fast) jede Doppelseite enthält zwei plakative Motive vergleichbarer Sujets (Kriegszerstörungen, Polizeiarbeit, Mode, Festivitäten, Politiker, Erstkommunion/Jugendweihe, Demonstrationen, Wohnverhältnisse, Mauerbau etc.). Manchmal gibt es Sequenzen, die über zwei Doppelseiten gehen, zuweilen steht auch ein Bild für sich allein. Es gibt für jedes Motiv je zwei Bildtexte: oben die Namen der Fotografen und Fotografinnen sowie die Datierung, unten eine knappe Erläuterung des dargestellten Sachverhalts.
Manche Aufgaben, die man fotografisch zu lösen hatte, waren, geht man nach diesem Buch, überraschend ähnlich, ob nun Walter Ulbricht mit nacktem Oberkörper 1952 auf der Krim rudert oder Konrad Adenauer 1949 in Rhöndorf in Anzug und Krawatte Rosen schneidet. Unterschiedliche Bildlösungen, aber Propaganda hier wie dort. Manchmal verraten allein Kulissen, Kleidung, Autos und andere Requisiten, wo fotografiert wurde, nicht aber, wie und unter welchen Bedingungen das gemacht wurde und ob der Urheber oder die Urheberin Ossi oder Wessi war. Selbstverständlich gibt es eindeutig zuzuordnende Ausnahmen wie die visuellen Beweisstücke zu Fluchtversuchen oder, ohne Gegenbeispiel, das ikonisch gewordene Bild des erschossenen Benno Ohnesorg, das von einem Fotografen stammt, der im Westen lebte, aber dem Osten verpflichtet war. Selbstverständlich gibt es auch Sachverhalte, die im Rückblick den unterschiedlichen Verlauf der deutschen Geschichte betonen; man musste nur lange genug nach Passendem suchen wie das Bildpaar zur RAF zeigt: Andreas Baader im Gerichtssaal in Frankfurt, Susanne Albrecht beim Kaffeekränzchen in Köthen.
Was nun will uns der aus historischer Perspektive unterhaltsame, weil mit visuellen Anekdoten aufwartende Band sagen? Sollen Vorurteile widerlegt werden? Strebte der Osten nach westlichem Chic in der Bildgestaltung, hat der Westen vom realistischen Anspruch des Osten gelernt? War das Leben in den beiden Staaten und die daraus resultierenden Aufgaben für Fotografen ähnlicher als man denkt? Die mit vielen bekannten Namen gespickte Auswahl beweist zunächst einmal, dass die gestalterische Qualität auf beiden Seiten der Mauer hoch war. Das Hinsehen lohnt sich also besonders für die Beiträge aus der DDR, denn von dort wurden bislang vorzugsweise einige Fotografenstars sowie das letzte Jahrzehnt vor der Auflösung des Landes genauer unter die fotogeschichtliche Lupe genommen. Brauchte es nun wirklich diese aufwändig recherchierten Bildvergleiche, um zu beweisen, wie gut die DDR-Fotografie war oder hätte man das nicht schon längst wissen können?
* Ausstellungstournee: Kunstmuseum Ahrenshoop, 20.6.–20.9.2026 GRASSI Museum für Angewandte Kunst, Leipzig, 28.4.– 3.10.2027 Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung, München, 2027/2028 Photobastei, Zürich, 25.10.–16.12.2029
Titel: Ihr denkt, wir waren anders
Untertitel: Fotografien aus Ost und West von 1945 bis 1989
Bildautor: („rund 200“ verschiedene)
Textautor: Petra Göllnitz, Annett Gröschner, Hans-Hermann Klare, Christoph Tannert