Eine der berühmtesten Fotoserien aus der späten DDR ist wieder da: Sibylle Bergemanns ursprünglich aus Auftragsarbeit angelegte Dokumentation über die Entstehung und die Montage eines Marx-Engels-Denkmals.
Die von dem Bildhauer Ludwig Engelhardt geschaffene Doppelskulptur war für das Marx-Engels-Forum in (Ost-) Berlin gedacht, wo sie 1986 aufgestellt und 2010 wieder abgebaut wurde, aber seit 2022 wieder am ursprünglichen Ort zu sehen ist.
Die Fotografin hatte die Entstehung und Montage des Denkmals im Auftrag des DDR-Kulturministeriums mit der Kamera beobachtet – also den Aufbau und nicht den Abbau, wie man angesichts des damaligen Titels vermuten könnte. Drei Motive aus der Langzeitbeobachtungfanden Verwendung in dem von Bergemann illustrierten Band über Berlin in der „Reiseverführer“-Reihe des Greifenverlags, und zwar in der zum Stadtjubiläum 1987 teilweiseneu bebilderten 3. Auflage. 1990 erfolgte die Veröffentlichung einer Auswahl in einem im Wesentlichen mit Kurztexten von Heiner Müller bestrittenen Band Ein Gespenst verlässt Europa. Sibylle Bergemann war in der DDR ein Star, aber in der BRD damals eher unbekannt. So ist zu verstehen, dass ihre großartige Serie damals nurim Schlepptau der Texte des viel berühmteren Schriftstellers und Theatermanns in einem westdeutschen Verlag erscheinen konnte.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Fotoserie näher erforscht und als solche, also ohne Müllers textliches Beiwerk, mit dem Fokus auf die Fotos neu veröffentlicht werden würde. Dies ist nunmehr zur Begleitung einer Ausstellunggeschehen, aber, um es vorweg zu sagen, das Buch enttäuscht nicht inhaltlich, sondern produktionstechnisch und gestalterisch, wenn man das Original kennt. Es ist kein Reprint der Publikation von 1990, sondern eine auf einen Blick in das Archiv der Fotografin ausgeweitete Version. Die Serie besteht aus Querformaten, die damals ganzseitig immer auf den rechten Seiten des querformatigen Buchs platziert wurden. In der hochformatigen Neuerscheinung wurden die Bilder doppelseitig verwendet, sodass der Bund jedes Motiv der Serie unschön durchschneidet. Hinzu kommt, dass das Buch zwar fadengeheftet wurde, aber so straff gebunden ist, dass man schon beinahe Kraft aufwenden muss, um eine Doppelseite möglichst plan in Augenschein nehmen zu können. Das beeinträchtigt auch das Lesen und Betrachten der anderen Seiten mit den Zusatzbildern aus dem Archiv der Fotografin und den Texten, die von dem Denkmal, den Fotos und beider Rezeption handeln. Am Ende stehen dann (der Vollständigkeit halber?) auch wieder einige der Texte von Heiner Müller als Faksimiles aus der Version von 1990, aber um 90º gedreht. Warum musste für das Buch entgegen der wichtigsten Vorlagen unbedingt ein Hochformat gewählt werden? Zudem wirken viel Bilder recht düster– liegt es an der Bildbearbeitung oder am Druck?
Das in drei Sprachversionen erschienene Buch ist durch seinen gesteigerten Informationswert sicherlich eine gute Ergänzung zur inzwischen zu einer Rarität in den Antiquariaten avancierten Vintagepublikation, dieaber durch die erweiterte Ausgabe nicht zu ersetzen ist.
Titel: Das Denkmal
Bildautor: Sibylle Bergemann
Textautor: Christian Joschke, Heiner Müller, Steffen Siegel, Sonia Voss, Frieda von Wild, Lily von Wild
Herausgeber: Sonia Voss, Frieda von Wild, Lily von Wild
Gestalter: Jérôme Saint-Loubert Bié
Verlag: Kerber
Verlagsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2025
Sprache: deutsch (französische oder englische Versionen sind verfügbar)