In einer Zeit, in der fotografisch alles möglich ist, in der Personen sich selbst problemlos in sozialen Medien öffentlich darbieten und in der Künstliche Intelligenz keine Schranken kennt, ist es bemerkenswert, dass dieses kleine Fotobuch nach 2012 ein zweites Mal erscheint.
Der Verkauf der ersten Ausgabe war wegen der (angeblichen) Verletzung von Persönlichkeitsrechten gerichtlich gestoppt worden. Das Buch war seinerzeit nur ein paar Tage im Handel; immerhin gibt es einige wenige Bibliotheken, die es trotzdem in ihrem Bestand haben. Es wäre also möglich, sich selbst einen Eindruck von dem Original zu verschaffen. Aber das ist nicht wirklich nötig.
Es geht hier um den nunmehr im Verlag Lars Müller erschienenen Band In Jesus´ Name (resurrected) des Schweizer Fotografen Christian Lutz. Es handelt von der evangelikalen, durch ihre Aktivitäten vor allem junge Menschen ansprechende, wegen der Verwendung vieler Anglizismen auffallende, aus der Schweiz kommende Freikirche „International Christian Fellowship“ (ICF) und deren Anhängern. Lutz wollte mit der bei der ICF entstandenen Serie den abschließenden Teil einer dokumentarfotografischen Trilogie über Macht aus politischem (Buch: Protokoll, 2007), wirtschaftlichem (Tropical Gift, 2010) und religiösem Blickwinkel bestreiten. Er hatte die Genehmigung, bei Treffen und Veranstaltungen für sein Projekt zu fotografieren. Als das Buch fertig war und es die Oberen des ICF sahen, brach dort ein Sturm der Entrüstung los, weil es offensichtlich nicht als Werbung für die eigene Ziele taugte. Lutz hatte jedoch vermutlich nicht jeden oder jede Dargestellte(n) um ausdrückliche Einwilligung zur Veröffentlichung gefragt bzw. der Nachweis einer Einwilligung war nicht mehr möglich. Eine von der ICF im Namen von 21 der Abgebildeten in die Wege geleitete einstweilige Verfügung setzte dem Vertrieb des Bandes ein abruptes Ende. Der weitere Versuch, nicht nur das Buch, sondern auch das beim Fotografen archivierte originale Bildmaterial auf Gerichtsbeschluss vernichten zu lassen, scheiterte allerdings. Lutz verwendete danach die Bilder für Ausstellungen weiter, machte aber die Gesichter der Personen durch schwarze Balken unkenntlich und fügte Zitate aus den Gerichtsakten hinzu.
Ein anderer Verlag wagte es also nun, die alte Arbeit als neues Buch in kleiner Auflage wiederzuveröffentlichen. In dieser „wiederaufgestandenen“ Version sind allerdings alle Personen durch einen grauen Punkt im Gesicht unkenntlich gemacht worden. Ausführliche Texte zur Geschichte der Serie und Zitate zu einzelnen der beanstandeten Motive sorgen für den Kontext. Es stellt sich die Frage, ob das Buch nicht auch dann zu einem Politikum geworden wäre, wenn die ICF nicht gegen die in ihrer Wirkung überschätzte Veröffentlichung vorgegangen wäre. Die Neuausgabe stellt nun den Umgang mit Fotos von Personen zur Diskussion: Wie weit greift die künstlerische Fotografie im Hinblick auf das von der ICF reklamierte Recht am eigenen Bild, wie groß darf die Reichweite eines dokumentarisches Projektes im Kontext des Themas „Macht“ sein? Im neuen Buch sind die betreffenden Bilder mit zuweilen grotesken, immer spitzfindigen Auszügen aus Klageschriften und Erwiderungen kombiniert. Es ist erhellend, diese Zitate aus den Schriftsätzen zu lesen und sich selbst anhand der nebenstehenden Bilder ein Urteil zu bilden: Was wollte der Fotograf wie zeigen, ob überhaupt oder wie haben die Abgebildeten versucht, ihn bei seiner Arbeit zu unterstützten oder zu behindern? In der veränderten Version des Buches ist das Hauptthema nicht mehr die Frage nach der Macht von Religion, sondern nach der Macht von Bildern und die Frage, wie man Fotos liest.