„In A Silent Way. Miles Davis“ war eine Ausgabe der Schweizer Kulturzeitschrift du. Das im August 1989 erschiene Heft ist längst vergriffen und wird von Sammlern gesucht. Im Zentrum stand eine aufwendige Reportage: Der damalige 2. Chefredakteur Marco Meier und der aus Kassel stammende Fotograf Ralph Quinke waren von Davis in seine am Strand von Malibu gelegene Villa eingeladen worden, eine seltene Gunst der als verschlossen, unnahbar und bisweilen mürrisch geltenden Jazz-Ikone.
Umso neugieriger durfte man auf das hier besprochene Buch sein, das im 100. Jahr nach Davis‘ Geburt und 35 Jahre nach seinem frühen Tod 1991 erscheint. Es ist kein Remake der Zeitschrift, aber durchaus auch ein Rückblick auf das Heft und seine Entstehung. Die immer noch lesenswerte Besuchsreportage hat Meier für das Buch im Anhang stark gekürzt und überarbeitet. Recht bedauerlich, denn der Text war ein schönes Zeitdokument. Quinkes Fotoserie steht nunmehr ganz im Mittelpunkt. Waren es im Heft 17, sind es nun über 50 Schwarzweiß-Fotos sowie – als Ergänzung im Anhang – Konzert- und Backstageaufnahmen, die Quinke in den Siebzigern und Achtzigern in Deutschland und New York machte.
In Miles Davis‘ Villa hatten Quinke und Meier nur wenige Stunden, in denen Quinke unablässig fotografiert haben muss: Davis gibt sich salopp, trägt Lederjacke mit langen Fransen, Schlabber-Shirt, eine weite gestreifte Leinenhose und spitze Leder-Slipper. Er blickt mal wach, mal nachdenklich, lächelt nie, steht entspannt in der unaufgeräumten Küche, telefoniert. Natürlich macht er, was man von ihm erwartet: So nimmt er – neben Louis Armstrong der einflussreichste Jazz-Trompeter des 20. Jahrhunderts – auch mal das Horn zur Hand, aber es wirkt fast, als sei ihm das peinlich. Musik spielt ohnehin keine Rolle, auch wenn er sich an den Flügel setzt oder zur Gitarre greift. Was könnten wir noch machen, was willst du fotografieren? Ach ja, Miles, der Künstler: Also zeichnet er etwas. Und der Ferrari: Also posiert er mit seinem Sportwagen. Und weil auch Boxen zu seinen Leidenschaften zählt, stülpt er sich die Fäustlinge über und umtänzelt den Boxsack. Im Grunde brachte bereits das „Du“-Heft mit seiner Auswahl die fotografische Quintessenz all dieser Motive. Das Buch bringt keine wirklichen Neuerungen, aber es macht die Serie in erweiterter Form wieder zugänglich.
Porträtfotografie heißt, sich ein Bild von jemandem machen, bzw. dem Fotografen ein Bild von sich vermitteln. Es ist alles Inszenierung. In diesem Sinne strahlt Davis auf Quinkes Fotos zwei Jahre vor seinem frühen Tod coole Gelassenheit aus. Tausende Male wurde er abgelichtet, im Konzertsaal, zusammen mit Kollegen am Set, Backstage, im Studio. Aber wohl nur selten so privat und unprätentiös. Mit dieser Facette behalten wir ihn gerne in Erinnerung.