Halle im Abbruch

Ausstellungen zu Helga Paris´ und Konstanze Göbels Klassikern der DDR-Fotografie

Halle gehört zu den in Hinsicht auf Fotobücher interessantesten Städten der DDR. Nicht zuletzt liegt das an der Affäre, die die 1986 verbotene Ausstellung Häuser und Gesichter 1983-85 mit Fotos von Helga Paris (1938-2024) auslöste und im Gedächtnis blieb.

40 Jahre später erfahren nun die damaligen Ereignisse ihre bislang detaillierteste Aufarbeitung. Im Kunstmuseum Moritzburg ist eine Ausstellung mit den damals nicht zugelassenen Originalabzügen zu sehen, die von einem umfangreichen Katalog begleitet wird. Darin sind nicht nur alle Bilder aus der Serie über die damals ruinös wirkende Altstadt von Halle und ihre Bewohner zu finden, sondern es wird auch die Geschichte der von der DDR-Kulturbürokratie unterdrückten Ausstellung ausführlich dargestellt. Die Probleme wurden offenbar von dem kleinen, 1986 bereits gedruckten Katalog ausgelöst, der vorab zirkulierte. 

Die noch bis 20.9.2026 gezeigte Ausstellung ist so eingerichtet, dass an den Wänden die gerahmten Abzüge präsentiert werden, während eine blaugrün gestrichene und damit deutlich abgesetzte Konstruktion in der Mitte des Raums von einem Dokumentarteil eingenommen wird – weitere Fotos, Texte, Schriftstücke, Rezensionen, Publikationen bis hin zu dem berühmten, in drei Ausgaben und jeweils mehreren Auflagen seit 1991 erschienenen Longseller Diva in Grau, der die Fotos einem größeren Publikum bekannt machte.

Kuratorin Dr. Jule Schaffer führt durch die Ausstellung von Konstanze Göbel

Schon in der Helga-Paris-Ausstellung wird das 1987 von den lokalen Politgrößen beauftragte Fotoprojekt thematisiert, mit dem Konstanze Göbel (* 1950) die Sanierung der Altstadt von Halle in einem positiveren Licht darstellen sollte. Die bis 1989 entstandene, legendäre Serie wurde bislang nur in Ausschnitten gezeigt oder publiziert. Nun ist sie noch bis zum 16.8.2026 in Gestalt der damals den Auftraggebern übergebenenen Originalabzüge im Literaturhaus Halle zu sehen. Im Gegensatz zu den schon länger bekannten, den Verfall der Stadt zeigenden Aufnahmen von Paris sind die Arbeiten von Göbel in ihrer Darstellung deutlich drastischer. Schutthaufen reihen sich an Bauruinen, das Positive, die Verbesserung der Wohnraumsituation, was man sich eigentlich von Göbel erhoffte, sucht man (fast) vergeblich. Personen sind auch zu sehen, aber nicht wie bei Paris porträtiert in ungebrochenem Stolz, sondern – mit ganz wenigen Ausnahmen – als vorbeihuschende Staffage- und Maßstabsfiguren. Die Bilder machen noch heute wegen der aus ihnen sprechenden brachialen Flächensanierung betroffen. Heute könnten die alten SED-Bonzen zufrieden sein, präsentiert sich doch Halle mit einer in den letzten Jahren weitgehend sanierten, nunmehr attraktiven Altstadt, in der nur noch wenigen Baulücken von der Abrissphase künden.

Beide Ausstellungen werden von Katalogen begleitet, die jeweils Friedrich Lux gestaltete. Trotz der unterschiedlichen Formate und Bindungen hat es Lux verstanden, durch die Wahl eines dunklen Türkistons (Paris) bzw. eines helleren Blaugraus (Göbel) als Sonderfarbe und der selben Schrifttype eine gewisse Ähnlichkeit herzustellen. Die beiden Bücher gehören in der Tat zusammen so wie beide Fotoserien schon länger als zwei Seiten einer Medaille wahrgenommen werden.

Es war wohl an der Zeit, einerseits die Affäre um die 1986er-Ausstellung von Helga Paris umfassend zu dokumentieren und aufzuarbeiten, andererseits endlich einmal den Anteil von Konstanze Göbel an der fotografischen Überlieferung von „Halle im Umbruch“ angemessen zu würdigen und zu präsentieren.

PS Nachzutragen bleibt, dass auch andere Fotografinnen wie Sigrid Schütze-Rodemann und Eva Mahn oder Fotografen wie Reinhard Hentze, Harald Kirschner und Gerald Große den Verfall und die Sanierung von Halle dokumentiert haben, was aber in den beiden vorgestellten Ausstellungen bzw. Publikationen keine Rolle spielt.

Fotos: TW

 

  • Titel: Die Geschichte eines Fotoklassikers
  • Untertitel: Helga Paris – Häuser und Gesichter. Halle 1983-85
  • Bildautor: Helga Paris, (Konstanze Göbel)
  • Textautor: Jule Schaffer, Inka Schube, Albrecht Wiesner und Interviews mit Helmut Brade, Jenny Paris und Ulrich Zeiner
  • Herausgeber: Christian Philipsen, Thomas Bauer-Friedrich und Jule Schaffer
  • Gestalter: Friedrich Lux
  • Verlag: Mitteldeutscher Verlag
  • Verlagsort: Halle
  • Erscheinungsjahr: 2026
  • Sprache: deutsch
  • Format: 30,5 x 27,8 cm
  • Seitenzahl: 208
  • Bindung: Leinen
  • Preis: 58 €
  • ISBN: 978-3-68948-158-2
  • Titel: Halle im Umbruch 1987-1989
  • Bildautor: Konstanze Göbel
  • Textautor: Thomas Bauer-Friedrich (Vorwort), Jule Schaffer, Gespräch mit Asta Werner
  • Herausgeber: Christian Philipsen, Thomas Bauer-Friedrich und Jule Schaffer
  • Gestalter: Friedrich Lux
  • Verlag: Mitteldeutscher Verlag
  • Verlagsort: Halle
  • Erscheinungsjahr: 2026
  • Sprache: deutsch
  • Format: 23,5 x 21 cm
  • Seitenzahl: 80
  • Bindung: Kartoniert
  • Preis: 25 €
  • ISBN: 978-3-68948-160-5
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