Keine Veränderung ohne Erinnerung

Mitch Epsteins Blick auf die Geschichte

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Mit der Großformatkamera unterwegs zu sein, bedeutet, vorher genau zu planen und nach einem Konzept zu handeln. Mitch Epstein (* 1952) unterzieht sich für seine dokumentarisch-kritischen Projekte dieser entschleuningenden Prozedur. Ergebnis: hoch verdichtete Einzelbilder, die sich als Serie noch in ihrer Wirkung potenzieren.

Das Berlin-Buch geht auf einen Studienaufenthalt zurück. Es funktioniert fast ganz ohne Worte, sieht man einmal von dem kurzen Vorwort des Fotografen, dessen langer Danksagung und dem Anhang mit den knappen Bilderläuterungen ab. Dies hilft, die Entstehungsgeschichte der Serie zu verstehen. Denn eigentlich wollte Epstein in Berlin lesen und nachdenken, aber der seiner Meinung nach allenfalls von Hanoi übertroffene komplizierte Charakter der Stadt ließ ihm keine andere Wahl als zu fotografieren. Die Bildstrecke beginnt mit einem jüdischen Friedhof, auf dem offenbar gerade Vermessungsarbeiten liefen als Epstein dorthin kam. Ein Stativ mit einem tragbaren Computer steht zwischen den grauen Zeugen jüdischer Kultur. Optische Widerhaken und bedenkenswerte Details tauchen immer wieder auf, sei es, dass Elefanten vor Plattenbauten grasen oder Fensterputzer an der Reichstagskuppel tätig sind. Ein Gleitschirmflieger hockt wie ein abgestürzter Ikarus am Boden auf dem Teufelsberg; diesem Bild folgt auf der nächsten Doppelseite ein Kosmonauten-Mosaik. Menschen tauchen bei Epstein allerdings nur sporadisch und nicht als Individuen auf. Am Ende steht ein graues Ensemble aus einem Gebäuderiegel, vor dem ein paar spärliche Rosen blühen: die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Ob Nazi oder Stasi, die Geschichte ist in Berlin allgegenwärtig – dem konnte und wollte sich Epstein nicht entziehen. Geschichte sichtbar zu machen ist das eigentliche Thema Epsteins so präziser wie lakonischer Kompositionen.

Einen guten Einstieg in das Werk von Epstein bietet der Ausstellungkatalog „State of the Union“ anhand der beiden, auch in Büchern publizierten Serien „Recreation – American Photographs“ (1973-1988, mit Alltagsszenen zuweilen surrealen Charakters) und „American Power“ (2003-2009, über die Energiewirtschaft). Hier entzaubert Epstein sein Heimatland in ernüchternder Weise. Das Buch enthält hilfreiche Aufsätze zur Arbeitsweise Epsteins und einen bio-bibliografischen Anhang. Vergleicht man die Arbeiten aus Berlin mit denen aus den USA, versteht man, wie sich das laut Epstein „weitgehend geschichtslose Amerika“ von Berlin, vielleicht von ganz Deutschland, unterscheide: „Veränderung basiert auf Erinnerung.“

  • Titel: Berlin
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Mitch Epstein
  • Textautor: Mitch Epstein
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: McCall Associates
  • Verlag: Steidl
  • Verlagsort: Göttingen
  • Erscheinungsjahr: 2011
  • Sprache: englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 72
  • Bindung: Leinen, Schuber
  • Preis: 45 Euro
  • ISBN: 978-3-86930-224-9
  • Titel: State of the Union
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Mitch Epstein
  • Textautor: Stephan Berg, Gisela Parak, Christoph Schreier
  • Herausgeber: Stephan Berg, Christoph Schreier, Kunstmuseum Bonn
  • Gestalter: Annett Frey
  • Verlag: Hatje Cantz
  • Verlagsort: Ostfildern
  • Erscheinungsjahr: 2010
  • Sprache: englisch, deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 120
  • Bindung: illustriertes Hardcover
  • Preis: 39,80
  • ISBN: 978-3-7757-2784-6

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