Klein, aber fein

Die „Fotobuchfamilie“ traf sich in Aarhus

Motto by Markus Schaden

Zum dritten Mal fand jetzt in Aarhus die international besetzte Photobookweek im dänischen Aarhus statt. Vielleicht das kleinste Fotobuchfestival überhaupt, aber vielleicht auch das intensivste mit etlichen Ausstellungen, Vorträgen und viel Zeit und Platz. Dies alles noch dazu in einer wunderschönen, sympathischen Stadt!

Die PWA wurde organisiert von der Fotogalerie Image, der örtlichen Architekturakademie und einem Kreis von Enthusiasten, die Moritz Neumüller um sich geschart hatte. Die Ausstellungen waren zu sehen in der eindrucksvollen Stadtbibliothek, der Galleri Image und in den Räumen, vor allem in der Bibliothek der Architekturschule, wo auch die Vorträge und ein kleiner Buchmarkt über die Bühne gingen. Den Auftakt machte Markus Schaden mit einem Plädoyer für das Fotobuch: „Long live the photobook!“, gleichzeitig eine Art Zwischenbilanz über den eigenen Einsatz für das Medium. Am nächsten Tag war Markus dann schon wieder in Richtung Rostock entschwunden, wo sein PhotoBookMuseum eine Expedition in fotobuchmäßig schwieriges Terrain gewagt hat: „Die Welt im Umbruch“.

Gösta Flemming, Aase Eg, Jesper Rasmussen

Gösta Flemming, Aase Eg, Jesper Rasmussen

Yinging He and Beate Cegielska

Yinging He, Beate Cegielska

Audience

Audience

Ein Thema, das sich durch die ganze Veranstaltung zog, war die Frage, wer nun eigentlich der Urheber eines Fotobuchs ist: Fotograf, Designer, Herausgeber oder Verleger? Eloi Gimeno aus Spanien stellte eine erstaunliche Reihe von ihm gestalteter aktueller Fotobücher vor. Verleger Gösta Flemming (Journal) und Designerin Aase Eg (Space Poetry) sprachen über „ihre“ Bücher und Yining He berichtete über das Aufblühen der Fotobuchszene in China. Selbstverständlich konnte auch die abschließende Diskussion die Frage nach dem Urheber der spezifischen und notwendigen Qualität eines Fotobuchs nicht endgültig und erschöpfend beantworten, der Gesprächsbedarf dazu wird wohl nie enden – bis hin zu juristischen Fragestellungen. Es war jedenfalls gut zu sehen, dass das Fotobuch als Möglichkeit, Fotos adäquat zu präsentieren, noch lange nicht am Ende ist – auch wenn es viel zu viele Fotobücher gibt, laufend noch mehr produziert werden und es schwer fällt, die Übersicht zu behalten. Gerade die Präsentation von Gimeno zeigte an Beispielen, auf was Fotografen und Gestalter bei der Konzeption eines eigenen Buches achten sollten, damit am Ende ein der Intention des Fotografen adäquates und in jeder Hinsicht überzeugendes, „rundes“ Werk herauskommt. Weitere Beispiele über die eigene Arbeit legten Miriam O´Connor und Lars Rolfsted Mortensen vor; außerdem wurde der Verlag Wunderbuch präsentiert. Der Samstag stand ansonsten der Frage nach der programmatischen Aufgabe eines Fotobuchs im Mittelpunkt; es wurde versucht, dazu anhand von Büchern aus Deutschland und Portugal unter Betonung des Aspektes der Propaganda Material vorzulegen, wobei auch der Autor dieser Zeilen die Freude hatte, sich daran ein wenig zu beteiligen. José Luis Neves hatte zudem eine kleine Ausstellung über das berühmte Lissabon-Buch von Costa und Martins in der Stadtbibliothek zusammengetragen und ausführlich über das Umfeld des jetzt in der zweiten Auflage als Reprint erschienenen Klassiker berichtet. Portugal war ja 1959 eine Diktatur, was bei der Beurteilung dieses Buches eine Rolle spielen muss.

Blaue Bücher in Aarhus

Blaue Bücher (Aarhus School of Architecture library)

Kassel dummys (Aarhus School of Architecture library)

Exhibition in the Aarhus library

Lisboa-Exhibition (Aarhus City library)

Die anderen Ausstellungen in der Architekturschule waren den (deutschen) Blauen Büchern gewidmet, in der Bibliothek über dem Vortragssaal waren mehrere Sammlungen von jährlichen Fotobuch-Dummy-Awards zu sehen, darunter auch die etwa 50 Bücher, die zum Kasseler Fotobuch-Wettbewerb eingereicht worden waren. In der Mensa der Hochschule waren neun Buchstände aufgebaut, so von den Verlagen Journal, Space Poetry, von der Galleri Image (mit diversen Angeboten), von der Kopenhagener Galerie Rathnov, vom befreundeten Fotobuchfestival in Dublin (The Library Project), von Jens Friis (Herausgeber der Zeitschrift Katalog) und von den Fotokünstlern und Verlegern Angelika und Andreas Oetker-Kast aus Kiel und Inger Lise Rasmussen aus Aarhus. Ein ungewöhnlicher Programmpunkt war Jens Friis´Führung durch das Verkaufsangebot mit Vorstellung der Anbieter. Schließlich gab es auch noch Workshops unter dem Motto „Dummy doctoring“.

Presenting the bookstands

Presenting the bookstands

Jens Friis, Inger Lise Rasmussen,  José Luis Neve, Miriam O´Connor

Jens Friis, Inger Lise Rasmussen, José Luis Neves, Miriam O´Connor

Gösta Flemming and Ángel Luis González Fernández

Gösta Flemming, Ángel Luis González Fernández

Fazit: die Fotobuchfamilie ist, so Kurator Neumüller, eine große Patchworkfamilie. Man trifft sich in wechselnden Konstellationen und in wechselnden Orten, um sich über das Fotobuch auszutauschen. Nach Aarhus waren freilich nur wenige Familienmitglieder gekommen, aber diese konnten in entspannter Atmosphäre ohne Stars, ohne Zeitdruck und fernab von hektischem Business ein klug zusammengestelltes Programm genießen. Mir hat es dort jedenfalls ähnlich gut gefallen wie vor zwei Jahren in Bristol.

PS Das Vortragsprogramm wurde dokumentiert und soll noch für das www aufbereitet werden.

The Aarhus „photobookfamily“, photographed by Jens Friis

The Aarhus „photobookfamily“, photographed by Jens Friis

Markus Schaden discussing the photobook

Markus Schaden discussing the photobook…

Fotos: Jens Friis (1), TW (11)

Hinterlasse eine Antwort