Ostblock, Fotoblock, Fotobücher

Photobloc – Central Europe in Photobooks

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Die beiden polnischen Kunsthistoriker Łukasz Gorczyca und Adam Mazur führten einige Zeit einen Blog* über polnische Fotobücher. Aus diesem entwickelte sich ein Forschungsprojekt, das nunmehr mit der noch bis 1.3.2020 laufenden, im Detail spannend und innovativ gestalteten Ausstellung Photobloc – Central Europe in Photobooks in Krakow und dem zugehörigen Katalog seinen Abschluss fand (weitere Fotos hier).

Gegenstand des Unternehmens sind Fotobücher aus Ländern des früheren Ostblocks, die zwischen Faschismus, Kommunismus und Eigenstaatlichkeit eine turbulente und nicht immer einfache Geschichte hatten: im Zentrum stehen Polen, Litauen, Lettland und Estland, dazu kommen Ungarn, Rumänien und die Tschechoslowakei. Bulgarien, das frühere Jugoslawien und Albanien wurden ausgespart, was die Herausgeber in ihrer Einleitung zum Buch begründen. Für jedes Land suchte und fand man Experten, die sich speziell mit den dortigen Gegebenheiten auskennen. Man traf sich zu Konferenzen, um zu definieren, was man unter einem Fotobuch verstehen wolle und wie man die Aufgabe lösen sollte, die bislang weitgehend übersehene und unerforschte Fotobuchkultur aus den genannten Ländern soweit aufzuarbeiten, dass man einen ersten Einblick geben könne. Für das International Cultural Centre Krakow entstanden eine Ausstellung nebst Begleitband, wobei von Anfang an klar war, dass dies nur ein erster Schritt sein könnte. Letztendlich haben es nur 74 fotografisch, historisch und gestalterisch relevante Bücher in den Katalog geschafft, was auf lebhafte Diskussionen und einen harten Auswahlprozess schließen lässt.

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Es sollten alle Zeitschichten seit etwa 1900 bis in die Gegenwart abgedeckt werden, möglichst viele Typen und Konzepte für fotoillustrierte Bücher vorgestellt werden und nicht zuletzt auch alle Länder vertreten sein. Die oft und vor allem für die baltischen Staaten überraschende Auswahl kann ich im Einzelnen nicht seriös beurteilen, aufgefallen ist mir nur, dass von der ungarischen Fotografin Kata Kálmán gleich drei sehr ähnlich wirkende Bücher (als Trilogie) vorgestellt werden, dass von drei weiteren Fotografen je zwei Bücher enthalten sind (Karol Kallay, Hedy Löffler und das Team Antanas Sutkus/Romualdas Rakauskas) und dass in Hinsicht auf tschechische und slowakische bzw. polnische Bücher eine gewisse Zurückhaltung zu spüren ist, was aber angesichts von Manfred Heitings materialreichem Angebot Czech and Slovak Photo Publications 1918-1989 (Steidl, 2018) und von Mazur und Gorczycas eigenem Blog* verständlich ist.

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Das Buch ist in die Kapitel „Photobook“, „Art Photography“, „Building the New State“, „War and Trauma“, „Everyday Life“ und „Voices from the Streets“ unterteilt. Fotobücher als Kunstform, Dokumentationen, Propaganda, Bücher zum Alltagsleben, unzensierte Protestpublikationen und die aktuelle Szene kommen gleichermaßen vor, eine durch den kompetent begleiteten Auswahlprozess gut ausbalancierte Mischung. Das Buchkonzept ist übersichtlich: Jedes Kapitel beginnt mit einer sehr kurzen Einführung in veränderter Typographie und einem Symbolbild, jedes Buch erhielt vier Doppelseiten, jedes Buchporträt beginnt mit den bibliographischen Daten und einer Reproduktion von Umschlag oder Einband. Die zugehörigen Texte stammen von unterschiedlichen, fachlich versierten Autoren, geben vertiefte Information und sind leicht lesbar formuliert bzw. von Aleksandra Kamińska übersetzt worden. Das sachdienlich dezente Layout baut sich zwar auf der immer gleichen Grundstruktur für die Buchporträts auf, wirkt aber nie langweilig, was nicht nur an der Auswahl der Abbildungen liegt, sondern auch an den Variationen, die Gestalter Kuba Sowinski für deren Anordnung gefunden hat. Die vorgestellten, aus allen möglichen Sammlungen und Bibliotheken zusammengetragenen Exemplare behielten in den Reproduktionen ihre Geschichte, ungeachtet der Retuschemöglichkeiten, die man mit Photoshop hätte – alte Bücher sehen nun mal nicht neu aus. Geschichte wird auch dadurch anschaulich.

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Neben der Einleitung der beiden Herausgeber, die nicht nur das Entstehen von Ausstellung und Buch reflektiert, sondern auch Fragen nach dem Wesen eines Fotobuchs insbesondere unter den schwierigen Bedingungen in den betreffenden Ländern nachgeht, sind am Ende noch zwei Essays zu finden, zum einen eine exemplarische Studie über die lange vergessene rumänische Fotografin Hedy Löffler, zum anderen und als Abschluss ein Beitrag über Propaganda mit Fotobüchern am Beispiel der Fotobuchproduktion der DDR (leider mit einem Lapsus bei der Bebilderung, Fig. 1 passt gar nicht…) mit Ausblicken auf andere Ostblockländer.

Das annähernd quadratische, durchaus handliche, gut gedruckte und gebundene Buch gehört in seiner wohl durchdachten Konzeption und der überzeugenden Gestaltung zu den derzeit besten Büchern über Fotobücher. Auf Basis von Photobloc werden sich hoffentlich noch weitere von den thematisch oder regional fokussierten Detailstudien realisieren lassen, wie sie sich Mazur und Gorczyca wünschen.

Nachtrag 1.4.2020: Das Buch scheint in Krakow inzwischen leider vergriffen zu sein.

(Foto: Verlag)

(Foto: Verlag)

 

* Den Blog konnte und wollte ich wegen Sicherheitsbedenken meines Browsers schon lange nicht mehr aufrufen. Außerdem fehlt mir ein Account bei Tumblr. Bitte prüfen Sie selbst…

 

  • Titel: Photobloc
  • Untertitel: Central Europe in Photobooks
  • Bildautor: (diverse)
  • Textautor: Łukasz Gorczyca, Adam Mazur und andere
  • Herausgeber: Łukasz Gorczyca, Adam Mazur
  • Gestalter: Kuba Sowinski
  • Verlag:  The International Cultural Centre Krakow
  • Verlagsort: Krakow
  • Erscheinungsjahr: 2019
  • Sprache: englisch oder polnisch
  • Format: 28 x 24 cm
  • Seitenzahl: 352
  • Bindung: flexibles Hardcover
  • Preis: 99 PLN
  • ISBN: 978-83-66419-01-8 (in Englisch), 97-83-66419-00-1 (in Polnisch)

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