Gescheiterte Utopie

Simon Phipps dokumentiert die zweite Nachkriegsmoderne in England

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Brutalismus! Schon die Bezeichnung wirkt wie ein Schlag in die Magengrube. BRU-TAL-IS-MUS. Gemeint ist eigentlich und ganz nüchtern der Roh- oder Sichtbeton. Die Franzosen nennen ihn „béton brut“ und mancher mag an die wilde „Art brut“ des Jean Dubuffet denken. Die meisten verstehen unter Brutalismus eher eine Art schmerzhafte ästhetische Vergewaltigung des Stadtraumes. Brutalistische Sicht- und Waschbetonmassen werden von wenigen als „schön“ empfunden. Mit etwas Glück ist man schon so abgestumpft, dass man die oft verwitterten, mit Grünspanschlieren bedeckten und heruntergekommenen Betonfassaden gar nicht mehr wahrnimmt.

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Simon Phipps (* 1964) hat sich die letzten 20 Jahre auf die Suche nach brutalistischer Architektur in England gemacht und ist fündig geworden. Fantastisch, voller peinigender Grausamkeiten ist die „fotografische Bestandaufnahme britischer Nachkriegsarchitektur“, so der Untertitel. Phipps fotografiert konsequent schwarz-weiß. Die Kontraste sind hart. Er geht nah heran, betont Flächen, Linien und Strukturen so, dass sich fast abstrakt-konstruktivistische Figurationen herausschälen. Der Blick geht oft steil in die Höhe und zeigt geradezu bedrohliche Bauskulpturen. Oder er stellt sich so, dass man sich als Betrachter förmlich zwischen den Betonmassen wiederzufinden scheint und sich klaustrophobisch eingezwängt fühlt. Manchmal nimmt er Abstand und zeigt Fassaden oder Straßenzüge in ihrer ganzen erdrückenden Massivität. Menschen sind nur ganz selten, beiläufig und so klein auf einzelnen Bildern zu erkennen, dass sie wie Fremdkörper wirken. Alles wirkt verlassen und geisterhaft vergessen.

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Kaum zu glauben: Dieser Art zu bauen, der zweiten Nachkriegsmoderne seit den 1960er-Jahren, lag einst eine gesellschaftlich-demokratische Vision zugrunde. Man hoffte, die herrschende Wohnungsnot nach dem Krieg in den Griff zu bekommen, wollte in den öffentlichen Bauten eine Erlebnisarchitektur etablieren, wo sich Menschen treffen, miteinander kommunizieren und sich wohlfühlen. Immerhin: Es gab eine stadtplanerische Vision, die man heutzutage eher selten findet. Die Essays im Anhang verweisen genau auf diese Aspekte und relativieren so das schroffe Statement, das Phipps mit seinen Fotografien abgibt, mit denen er das Scheitern einer Utopie dokumentiert.

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  • Titel: Finding Brutalismus
  • Untertitel: Eine fotografische Bestandsaufnahme britischer Nachkriegsarchitektur
  • Bildautor: Simon Phipps
  • Textautor: Owen Hatherley, Andreas Hertach, Kate Mcintosh, Stephen Parnell
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Hi - Megi Zumstein, Claudio Barandun, Carla Crameri
  • Verlag: Park Books
  • Verlagsort: Zürich
  • Erscheinungsjahr: 2017
  • Sprache: deutsch
  • Format: 19,7 x 26 cm
  • Seitenzahl: 258
  • Bindung: Offenbindung, Leinen
  • Preis: 38 Euro
  • ISBN: 9783038600633

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