Plauen panoramatisch

André Köhlers Stadtportrait in einer großen Tradition

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Das Panoramaformat hat in der Fotografie eine lange Tradition. Objektive mit großem Bildwinkel oder Konstruktionen mit sich drehender Optik erlauben entsprechende Aufnahmen in der analogen Fotografie. In die Kamera integrierte Programme oder eine Nachbearbeitung am Computer machen Breitwandformate auch in der digitalen Fotografie möglich.

André Köhler (* 1968) hat sich für sein Stadtportrait über Plauen für die erste Möglichkeit entschieden und fotografiert mit einer selbstgebauten Kamera auf Planfilm. Das ist erkennbar, weil in dem aus diesen Bildern entstandenen Buch die Formatbegrenzungen des Films als schwarze Rahmen mit gescannt und abgedruckt wurden; rechts am Rand hat der Fotograf in winziger Schrift das jeweilige Motiv bezeichnet und datiert. Das Bildformat entspricht, wie bei einem Kontaktabzug, dem Aufnahmeformat und diesem wiederum ist das Buchformat angepasst, auch wenn rings um die Bilder recht viel weißer Raum bleibt. So erinnert Köhlers im Eigenverlag in einer Auflage von 300 Exemplaren erschienene Buch in seiner Gestaltung an das berühmteste aller mit der Panoramakamera entstandenen Stadtportraits, nämlich Praha Panoramaticka von Josef Sudek aus dem Jahre 1959.

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Warum Plauen in einer solch umständlichen und bedächtigen Weise fotografieren? Dort scheint es einige Leerstellen im architektonischen Gefüge zu geben, was zu einer die Horizontale betonenden Vorgehensweise geradezu einlädt. Das gestreckte Querformat und der lange Bildwinkel sind prädestiniert dafür, ganze Straßenfluchten und Häuserzeilen abzuwickeln. Der Blick schweift über die Bilder wie durch den Stadtraum. Zudem hat die Gestalterin des Buches immer wieder Doppelseiten kombiniert, bei denen formale oder motivische Entsprechungen beide Motive dezent, oft aber auch überraschend verklammern (Läden, Eingänge, flache Anbauten links…).

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Die Bilder sind menschenleer, die Sujets wirken verlassen, wenn nicht hin und wieder geparkte Autos die Anwesenheit von Bewohnern andeuteten. Sicherlich reichlich vorhandene touristische Motive wurden ausgespart. Plauen wirkt bei Köhler so, als ob die Stadt große Probleme damit hätte, die Bevölkerung zu binden, die Architektur abseits des Zentrums attraktiv zu halten. So fand der Fotograf hier Verhältnisse, wie sie typisch für ähnliche Klein- und Mittelstädte, ob in Ost oder West, sind. Einige von Köhlers Motiven sind unterdessen verschwunden, weil abgebrochen. Das Buch durchzieht ein wehmütiger Grauton, den man auch als zu flau gedruckt abwerten könnte, der aber zum verfallenden Charme der sächsischen Stadt passt.

André Köhler, Plauen Panorama (2014)

André Köhler, Plauen Panorama (2014)

Josef Sudek, Praha Panoramaticka (1959)

Josef Sudek, Praha Panoramaticka (1959)

  • Titel: Plauen Panorama
  • Untertitel: 
  • Bildautor: André Köhler
  • Textautor: Helfried Strauß
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Dessislava Vardjieva-Eckhardt
  • Verlag: (Eigenverlag)
  • Verlagsort: (Plauen)
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 98
  • Bindung: illustriertes Softcover
  • Preis: 17 Euro
  • ISBN: (ohne)

Eine Antwort zu Plauen panoramatisch

  1. Die Bilder gefallen mir sehr. Ich liebe städtische Brachen, Leerstellen im Stadtraum. Im alten Westberlin hat man diese schon in den 1980er Jahren zugeknattert, und im heutigen Gesamtberlin wird jede freie Stelle mit Konfektionsarchitektur vollgesch***.
    Nach weiterer Betrachtung stellte sich aber auch eine leise Beklemmung ein; trotz des Sonnenscheins erschienen mir die Bilder plötzlich “spooky”. Weniger dadurch, dass keine Menschen zu sehen sind (das ist durchaus üblich bei derartigen Bildern), sondern dadurch, das keine neuere Architektur aufscheint – nur auf zwei Fotografien habe ich kleine Spuren von DDR-Architektur gefunden – hatte ich plötzlich den Eindruck: diese Stadt ist nach dem 2. Wektkrieg verlassen worden. Irgendjemand hat ein Schild angebracht “zu verkaufen”, aber niemand will das Ensemble haben. Keine Kneipe lockt mit lokalem Bier, auch das “Hammer Eck” bietet nichts mehr an.
    Hannover wurde wie Plauen fast zu 75% zerstört. Kurzzeitig hatte man den Plan, die Stadt einfach so liegen zu lassen und eine neue ein Stück entfernt am Deister zu errichten. Hätte man das durchgeführt, läge das alte Hannover ebenso kahl dort wie dies Plauen. Auch in Leipzig und in Magdeburg gibt es ein paar Stellen, an denen die Stadt quasi aus der Zeit gefallen ist.
    So erscheint mir das Buch – unter anderem – auch als eine Art Retro-Utopie, Sinnen über das Tun der Menschen eingeschlossen.

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