Wände und Wende

Neues von Raymond Depardon und Harf Zimmermann

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Brandwände sind ein Kennzeichen großer Städte. Die Giebelseiten wurden durch Abbruch, Krieg oder Brände freigestellt oder wurden mangels Anschluss nicht zugebaut. Sie dienten dann als Träger für Werbung, Aufschriften oder Graffiti oder blieben in Backsteinrot oder Putzgrau offen sichtbar. Zugemauerte Öffnungen, Dachkonturen, Spontanvegetation, Einschusslöcher, unverhoffte Einblicke in enge Lichthöfe und Hinterhofsituationen beleben die Flächen, die Farben changieren in allen Staubtönen mit grellbunten Akzenten.

Harf Zimmermann (* 1955) hat über Jahre solche Brandwände in Berlin und ostdeutschen Großstädten aufgespürt, in Farbe fotografiert und aus den Bildern ein schon lange angekündigtes Buch gemacht. In Ergänzung zu Thomas Höpker, der 1976 mit seinen Berliner Wänden dem Verfall Ostberlins nachging oder im Gegensatz zu Michael Schmidt, der mit Berlin nach 45 (2005) der hell- bis dunkelgrauen Brandwand als Kriegsfolge in distanzierter Manier festhielt, sind Zimmermanns Bilder Close-Ups, nahsichtige, oft abstrakte, immer detailreiche Kompositionen. Manchmal ahnt man Landschaften in Putz und Patina, mit Horizont, Kirchturm und Häusern. Die meist streng axialen Bildausschnitte sparen den realen Himmel und den Straßevordergrund fast immer aus. Einige Doppelseiten in Zimmermanns Buch sind mit Diptychen oder Triptychen gefüllt, zwei, drei mal sind auch Wände zu sehen, die auf der anderen Seite einer Brandwand lagen, also Reste von Innenräume mit verschlossenen Öffnungen, ins Leere gehenden Türen und abenteuerlichen Tapeten. Das Buch ist groß, manche Bilder müsste man aber noch größer sehen, um diese viele Interpretationen erlaubenden Meisterwerke in allen Einzelheiten genießen zu können. Es erstaunt nicht, dass Robert Polidori das Vorwort beigesteuert hat. Harf Zimmermann hatte für sein Buch mit Urheberrechtsproblemen zu kämpfen – die Panoramafreiheit gilt nicht in allen Ländern für Graffiti an den Brandwänden. Die Süddeutsche Zeitung hat dazu am 28.6.2015 ausführlich berichtet.

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Berlin gibt die Motive für das neue Buch von Raymond Depardon (* 1942). Er erlebte dort die „Wende“, aber auch schon die Zeit des Mauerbaus, lichtete Kennedy ab und Willy Brandt, filmte und fotografierte Demonstrationen und andere Straßenszenen. Auffallend ist, dass man anhand des Buches die benutzte Fototechnik nachvollziehen kann, denn die Bilder haben immer einen schwarzen Rand, der dem Rand des Negativs entspricht und der bei der Reproduktion übernommen wurde. Dementsprechend lassen sich Filmsorte und benutzter Kameratyp (überwiegend Kleinbild, aber auch Mittelformat) erkennen. Die Verwendung des vollen Filmformats ohne die nachträgliche Bestimmung eines Ausschnitts steht für eine fotografische Haltung, die den Fotografen zur Präzision zwingt, die man aber auch genausogut als Einengung empfinden könnte, denn ein Foto ist so oder so immer ein Ausschnitt, ob man ihn schon bei der Aufnahme oder später festlegt.

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Das Berlin-Konvolut des Magnum-Fotografen ist chronologisch nach Jahren geordnet, wobei es einen Prolog aus Aufnahmen von 2013 gibt. Innerhalb der Jahresblöcke gliedern rote Vakatseiten die Bilder in einzelne Strecken, in einzelne Geschichten. Depardon ist auch Filmregisseur, das merkt man. Die Schwarzweißbilder sind – das Buch kommt von Steidl – selbstverständlich hervorragend gedruckt, der Wechsel der Akzentfarbe Rot mit dem Schwarz der Bildrahmen und des allseitig tiefschwarzen Buchschnitts hält das Werk gestalterisch zusammen und macht aus den einzelnen Kapiteln ein Ganzes.

Für beide Bände wird man die Fotobuchgeschichte nicht umschreiben müssen. Aber sie zeigen Fotografie auf höchstem Niveau in einer adäquaten Gestaltung. Es bleibt zu hoffen, dass sie ihr Publikum finden werden!

  • Titel: Brand Wand
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Harf Zimmermann
  • Textautor: Robert Polidori, Harf Zimmermann
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Harf Zimmermann
  • Verlag: Steidl
  • Verlagsort: Göttingen
  • Erscheinungsjahr: 2014 (ausgeliefert 2015)
  • Sprache: englisch
  • Format: 30,3 x 38,0 cm
  • Seitenzahl: 108 (nicht paginiert)
  • Bindung: Leinen mit illustriertem Schutzumschlag
  • Preis: 78 Euro
  • ISBN: 978-3-86930-628-5
  • Titel: Berlin
  • Untertitel: Fragmente einer deutschen Geschichte
  • Bildautor: Raymond Depardon
  • Textautor: Raymond Depardon
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Valérie Gautier, Raymond Depardon, Gerhard Steidl
  • Verlag: Steidl
  • Verlagsort: Göttingen
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 280 (nicht paginiert)
  • Bindung: Leinen mit illustriertem Schutzumschlag
  • Preis: 48 Euro
  • ISBN: 978-3-86930-838-8

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