Abseits im Zentrum

Göran Gnaudschun portraitiert Randfiguren

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Göran Gnaudschun gehört zu den einfühlsamsten Portraitisten des Landes. Portrait heißt bei ihm, dass es nicht um gutes Aussehen, sondern um die Persönlichkeit geht, um Würde. Seine Spezialität sind Heranwachsende. Dabei spielt es keine Rolle, ob er sich Punks, Straßenkindern oder braven Bürgern widmet. Er hatte allerdings schon immer eine besondere Affinität zu Außenseitern (Longe, 1998, über eine Band auf Tour; Vorher müsst ihr uns erschießen – Hausbesetzer in Potsdam, 2001). Jetzt schaffte er es, zu den Punks, die auf dem Berliner Alexanderplatz herumhängen, einen vertrauensvollen Kontakt aufzubauen, um auf dieser Basis Interviews und Fotos machen zu können. Aus diesem Material entstanden dann Ausstellungen und das vorliegende Buch.

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An dessen Anfang, auf der Innenseite des Schutzumschlags, steht eine Liste mit den Namen der Leute, die er im Folgenden vorstellt. Am Ende, im Impressum, liest man dann, dass alle Namen frei erfunden seien, um die Persönlichkeitsrechte zu wahren. Letztendlich spielt es keine Rolle, wie die Protagonisten heißen, sie sind nicht erfunden, sondern sie stehen hier höchst real mit ihren Sorgen, Nöten, Wünschen, Verletzungen, Freundschaften, mit ihrer Aggression und Traurigkeit, mit der Hoffnung, den trostlosen Alexanderplatz vielleicht doch irgendwann wieder verlassen zu können. Freiheit ist eben relativ. Das lässt sich schon aus den Bildern, aber auch aus den eingestreuten Geschichten herauslesen. Diese mal kürzere, mal längeren (und dann grau unterlegten) Texte gehören dabei nicht zu konkreten Fotos, auch wenn sich manchmal Fotos und Texte direkt gegenüberstehen. Für die nüchternen Protokolle aus den Gesprächen, die der geduldige Fotograf mit Hank, Howie, Sina und den anderen führte, muss Gnaudschun viel Zeit gehabt haben. Es hat sich gelohnt, den Leuten zuzuhören und es lohnt sich, nachzulesen, was sie Gnaudschun erzählt haben. Der durch die Gespräche eröffnete Zugang erlaubte dem Fotografen dann die behutsamen, dezenten Portraits jenseits jeder Werbe- und Lifestyle-Ästhetik und jenseits von Abenteuer und Sozialromantik. Ergänzende Bilder geben die kalte, von Beton und Kacheln geprägte Atmosphäre des Alexanderplatzes wieder, zeigen die Hunde der Leute oder handeln vom Wetter, was für Menschen, die unter freien Himmel leben, nicht unwichtig ist. An einer Stelle überrascht eine auf dem Straßenasphalt liegend reproduzierte, in warmes Sonnenlicht getauchte Szene mit zwei Kleinkindern, die in einem Garten in einer Zinkwanne baden, offenbar ein Bild, das einer von Gnaudschuns Protagonisten bei sich trägt als eine Erinnerung an andere, möglicherweise bessere, jedenfalls vergangene Zeiten. Ein solches Motiv kehrt wieder bei einer Frau, die sich ein (ihr?) Kinderbild vor das Gesicht hält.

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Kai-Olaf Hesse und der Fotograf haben das Buch sachlich und zurückhaltend gestaltet. Effekthascherei würde auch nicht passen. Es ist behutsam auf die Individuen und ihre Schicksale konzentriert. Man hat nie den Eindruck, dass Gnaudschun die Leute vom Rand des Alexanderplatzes vor den Karren seiner künstlerischen Karriere gespannt hat, nein, der Fotograf hat sie ernstgenommen, Öffentlichkeit hergestellt und damit, in einer Zeit, wo Wegsehen üblich ist, viel für sie getan.

  • Titel: Alexanderplatz

  • Untertitel: 
  • Bildautor: Göran Gnaudschun
  • Textautor: Göran Gnaudschun (aus Interviews)
  • Herausgeber: 
  • Gestalter:  Kai-Olaf Hesse, Göran Gnaudschun
  • Verlag: Fotohof edition
  • Verlagsort: Salzburg
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: deutsch oder englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 218
  • Bindung: Illlustriertes Softcover, illustrierter SU
  • Preis: 39 Euro
  • ISBN: 978-3-902993-00-7 (deutsch), 978-3-902993-01-4 (englisch)

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