Fotos von unterwegs

Literaten knipsen

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Mehr als 100.000 Fotografien verwahrt das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Jetzt wurde daraus eine Ausstellung unter dem Titel Reisen. Fotos von unterwegs zusammengestellt und dazu ein opulenter 538 Seiten umfassender Katalog produziert. „Amateurfotos“ von Literaten aus den Jahren 1890 bis 2013 werden gezeigt (ca. dreiviertel schwarz-weiss, der Rest in Farbe), und es ergibt sich damit eine Darstellung der Amateurfotografie im 20. Jahrhunderts. Ein ausführlicher Essay von Freddy Langer stellt Zusammenhänge dar (und ist gleichzeitig eine konzise Geschichte der Fotografie). Das einzige, aber gravierende Ärgernis ist das Layout. Auf hellblauem Fond, schlimmer: mit hellblauen, verrutschten Passepartouts werden die Bilder präsentiert. Wurde der Gestalter, Diethard Keppler, Opfer aktuell gerühmter holländischer Kollegen, die nahe legen, dass ein Layout nur dann etwas gilt, wenn es möglichst blödsinnig ist? Keppler hatte 2006 zusammen mit Stefan Schmidt das reich bebilderte Werk Arno Schmidt? – Allerdings! gestaltet, auch als marbacherkatalog erschienen, das einen Edelstein heutigen Buchdesigns darstellt, und jetzt dieser seltsame Irrweg?!

Zu den Fotografien: „Den wenigsten … kommt ein besonderer ästhetischer Wert zu“, und sie „unterscheiden sich in nichts von den Millionen von Familienfotos im Privatbesitz“ scheibt Frank Druffner im Nachwort. Freddy Langer sagt dazu: „Bis heute ist der Amateurfotografie der festgehaltene, erinnerungswürdige Moment wichtiger als die Ästhetik, das Eigene wichtiger als das Allgemeine.“ Wiederum Duffner: „wirkliche Doppelbegabungen“ seien nicht zu erwarten. Unverständlicher Weise werden bekannte Doppelbegabungen aus unserer Zeit, die der Fotografie erstaunlich eigenwillige Sichten hinzu gefügt haben, nicht einmal im Text erwähnt: Jürgen Becker, Einar Schleef, Günter Herburger.

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Einige Bildstrecken ragen jedoch heraus. Noch aus dem 19. Jahrhundert bis ins frühe 20. stammen die – teils auch zugekauften (eine übliche Praxis) – Fotos von Harry Graf Kessler, der hinschauen konnte und seine Sicht mit damaliger Technik achtbar ins Bild zu setzen verstand. – Fast fehl am Platze in dieser Auswahl sind die Fotografien von Armin T. Wegner, der sich vom Reisebildner plötzlich in den Status des Reporters versetzt sah, als er angesichts der Massaker an den Armeniern 1916 diesen Völkermord dokumentierte. Er hielt später Lichtbildvorträge darüber und wurde bei der deutschen Regierung und beim US-Präsidenten damit vorstellig. – Der bedeutende Film- und Fotografie-Theoretiker Siegfried Kracauer hat, zusammen mit seiner Frau Lil, Bilder aus Paris beigetragen, die deutlich oberhalb üblichen Amateurniveaus anzusiedeln sind. – Vierzig Jahre später hat Heinz Czechowski dies in den 1970ern am gleichen Ort qualitativ noch übertroffen. Czechowski fotografierte da schon länger, und insbesondere das Bild Autobahn Dresden Nord von 1949 ist künstlerisch eins der besten im Katalog: ein Streifchen Strasse links unten im Bild verliert sich im Nebel; Autos sind nicht zu sehen. 1985 hat der DDR-Bürger in Westberlin ausgerechnet die Mauer fotografiert. – Peter Handke fügt dem Band Polaroids hinzu. Ist das ein Zeichen für die Ungeduld dieses Autors? Scheute er den lästigen Gang zur Drogerie an der Ecke und das folgende Warten auf die Ergebnisse? Es wird nicht berichtet, ob einige der Literaten ihre Schnappschüsse auch selbst im Labor ausgearbeitet haben. – Unter den jüngsten Autoren erwähnenswert ist Thomas Hettche, der 2003 in Texas fotografiert hat. Es entstanden an Wim Wenders erinnernde, allerdings – Kunststück! – dynamischere Bilder von jenem öden US-Staat.

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Jeder Betrachter wird der Bildproduktion ihm nahe stehender Schriftsteller besondere Aufmerksamkeit widmen, und im biografischen Anhang sind einige Marginalien der Literaten zu ihrer Bildproduktion und der Bedeutung für ihr literarisches Werk angeführt, wie etwa vom gerade erwähnten Thomas Hettche. Bei den meisten Bildern schwant einem, dass Schriftsteller nicht ständig an Hohes und Hehres denken, sondern bisweilen nur harmlose Touristen sind, die herum knipsen, weil man das auf Reisen ja so tut.

Vielleicht ist das Buch als Standardwerk zur Amateur-Reisefotografie im 20. Jahrhundert zu sehen – bis die Digitalfotografie auch dies Sujet ramponierte. Schriftstellern traue ich als ersten zu, auf Selfies und Ablichtungen ihrer Frühstücksteller zu verzichten. Ilija Trojanow merkt an: „wenn es aus professionellen Gründen der Bilder bedarf, bitte ich einen Fotografen, mich zu begleiten.“

Mein Fazit: Insgesamt ist die Sammlung doch recht langweilig, und behalten mag ich das Werk trotz des enzyklopädischen Charakters sowieso nicht – das Himmelblau geht mir auf den Wecker.

 

  • Titel: Reisen
  • Untertitel: Fotos von unterwegs
  • Bildautor: (diverse)
  • Textautor: Heike Gfrereis, Freddy Langer, Frank Druffner
  • Herausgeber: Heike Gfrereis
  • Gestalter: Diethard Keppler
  • Verlag: Deutsche Schillergesellschaft
  • Verlagsort: Marbach am Neckar
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 538
  • Bindung: Schweizer Broschur, Schutzumschlag
  • Preis: 30 Euro
  • ISBN: 978-3-944469-01-0

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