Das verkannte Genie

W. Eugene Smith revolutionierte den Foto-Essay – die Würdigung kommt posthum

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W. Eugene Smith war bereits Autorenfotograf, bevor dieser Begriff erfunden wurde. Er wollte Fotos schießen – aber noch mehr wollte er eines sein: Kameramann und Regisseur in einem. Und ermöglichen sollten ihm dies seine Auftraggeber. Das bedeutende amerikanische Reportagemagazin „Life” zum Beispiel. Die Programmatik der Blattmacher: „Das Leben sehen, die Welt sehen, Augenzeuge großer Ereignisse sein, die Gesichter der Armen und das Gehabe der Stolzen erblicken.” Ein humanistischer Anspruch war das. Und erklärter Humanist war auch Eugene Smith. Eigentlich hätte es eine lange Liebesbeziehung zwischen den beiden werden müssen. Und doch wurde es nur eine wilde kurze Ehe. Die Stadien der Beziehung? Beginnen wir mit der Liebesheirat – so legt es jedenfalls der Ausstellungskatalog nah, der begleitend zur Retrospektive im Berliner Gropius-Bau erschien und die Lebensstationen des Fotografen akribisch nachzeichnet (die Originalausgabe des Buches erschien 2008 bei La Fábrica Editorial, Madrid).

1948 hat die Chefredaktion von „Life” eine ungewöhnliche Idee. Sie will eine Reportage über einen Landarzt machen, und Doktor Ernest Ceriani erweist sich als idealer Kandidat. Smith bekommt den Auftrag. Mit mehreren Kameras bepackt folgt er dem Arzt vier Wochen lang: ins Krankenhaus, zu Hausbesuchen, auch nachts und bei unwirtlichem Wetter. Es entstehen über 2.000 Bilder, die der Fotograf nüchtern beobachtend und dennoch nie ohne Wärme aufgenommen hat. Eines der wohl bekanntesten Motive der Serie zeigt den Arzt im Operationskittel: Resigniert, gebrochen fast stützt er sich an einem Küchenschrank ab; Zigarette in der einen, eine Tasse Kaffee in der anderen Hand. Kurz zuvor sind zwei Menschen unter seinen Händen gestorben: eine Mutter und ihr Baby. Mit „Country Doctor”, so der Titel des Essays, gelingt Smith der mediale Durchbruch; das Interesse der Leser ist groß. Die Freude des Fotografen jedoch hält sich in Grenzen. Konsterniert stellt er fest, dass sich die Redaktion weder bei der Bildauswahl noch bei der Gestaltung des Essays an seine Vorgaben gehalten hat. Die Liebe bekommt einen ersten Riss.

Er schlägt dem Magazin ein neues Projekt vor: Eine schwarze Hebamme soll die Protagonistin seiner Story sein. Das ist durchaus als politisches Statement zu verstehen: 1951 ist das Land noch zutiefst rassistisch. Wieder bereitet sich Smith akribisch auf seine Reise vor, ist sechs Wochen mit der Hebamme Maude in South Carolina unterwegs. Der Essay erscheint im Dezember 1951 unter dem Titel „Nurse Midwife” und hat gesellschaftliche Wirkung. Die Leser von „Life” sind bewegt und spenden Geld, das Maude für ein dringliches Projekt braucht: eine Klinik. Wieder ignorieren die Blattmacher die Layoutvorgaben ihres überaus talentierten Fotografen. Das Vertrauen und die Liebe schwinden. Noch sind es 47 Monate bis zum Bruch.

Eugene Smith brennt seit Langem für einen Mann: den Mediziner Albert Schweitzer – ähnlich obsessiv wie er, ebenso halsstarrig und unerwartet eitel. 1954 entschließt er sich, einen Essay über ihn zu machen. Doch der Nobelpreisträger will sich weder mit Brille noch bei seiner alltäglichen Arbeit im Missionsspital Lambaréné fotografieren lassen. Ohne Smith – er stellt ein Ultimatum und setzt sich durch. Später entsteht genau dadurch die emotionale Wucht des Essays: Schweitzer am Krankenlager, beim Steinestemmen, am Schreibtisch. Ein ernster Mann, würdevoll gebeugt unter der Last seiner Aufgabe.

Auch diesmal bleiben die „Life”-Macher ihrer Linie treu, entwickeln ihre eigene Dramaturgie. Der Essay „A Man of Mercy” erscheint im November 1954 – und ist zugleich der Trennungsgrund. Dem Fotografen reicht es, er kündigt – und muss ab sofort auf vieles verzichten: auf 25.000 Dollar Jahresgehalt etwa und eine Schar von Zuarbeitern. Smith fühlt sich verkannt, ungeliebt. Wahr ist: Er hat in den Jahren der Zusammenarbeit nur wenige Aufträge abgeschlossen, hohe Materialkosten verursacht, beinahe jeden Abgabetermin verstreichen lassen. Er macht es niemandem leicht, ihn dauerhaft zu mögen.

Das neue Arbeitsleben beginnt im Februar 1955. Nun arbeitet Smith als Vollmitglied für die Agentur Magnum und startet sofort ein Großprojekt. Er will die Stahlstadt Pittsburgh dokumentieren, eine gigantische Kamera-Erzählung schaffen, revolutionär will er sein, so wie es in der Literatur einst Joyce mit „Ulysses” gelang. Um es kurz zu machen: Smith verliert sich in dem Projekt, arbeitet tagelang an einem einzigen Abzug, um seine legendären Schwärzen zu schaffen, frickelt an zahllosen Fassungen des Layouts herum. Und sein Blick verändert sich: Er wird distanzierter, kälter.

Smith blieb nur drei Jahre bei Magnum. Es folgten noch freie Arbeiten. Herausragend davon ist „Minimata”, eine Serie, die den ersten großen Umweltskandal in Japan dokumentiert. Smith starb, vereinsamt, von Alkohol und Drogen gezeichnet mit 59 Jahren. Wo wollte er einst hin? Da kommt ein Mann ins Spiel: Walker Evans. Das Vorbild. 1941 erschien sein Buch „Let us praise famous men”, das er mit dem amerikanischen Schriftsteller James Agee verfasste. Walker behielt, obschon es eine Auftragsarbeit für die Farm Security Administration war, die absolute Kontrolle über Gestaltung und Inhalt. Nichts anderes hat Eugene Smith sein ganzes Leben lang gewollt.

  • Titel: W. Eugene Smith
  • Untertitel: 
  • Bildautor: W. Eugene Smith
  • Textautor: Britt Salvesen, Enrica Vigano, W. Eugene Smith
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Estudio Joaquín Gallego
  • Verlag: Kehrer
  • Verlagsort: Heidelberg
  • Erscheinungsjahr: 2011
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 240
  • Bindung: Festeinband mit Schutzumschlag
  • Preis: 39,80 Euro
  • ISBN: 978-3-86828-255-9

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