Dreimal Gold

Neue Bücher über Fotobücher

Fotobuchbuecher

Fotobücher sind en vogue. Dass Sammler sie nicht nur als Liebhaberobjekte, sondern auch als – höchst spekulative! – Geldanlage schätzen, hat sich längst herumgesprochen. Nicht wenige Fotobücher erreichen bekanntlich astronomische Antiquariatspreise bis hin zu vierstelligen Beträgen. Mit angestoßen haben diese Entwicklung Bücher über Fotobücher, die das Wissen um diese Art von Literatur verbreitern halfen. Immerhin wurden jetzt drei solcher Bildbibliografien mit dem vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gestifteten Fotobuchpreis geadelt – und zwar in Gold! Es handelt sich um folgende in diesem Jahr erschienene Werke: „Eyes on Paris“ (hg. von Michael Koetzle, zugleich Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen), „Schweizer Fotobücher von 1927 bis heute“ (hg. von Peter Pfrunder, zugleich Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur) und „Deutschland im Fotobuch“ (von Manfred Heiting und Thomas Wiegand).

In der etwas müde wirkenden Begründung der Jury wird übrigens auch das Phänomen Bücher über Fotobücher erwähnt, leider ohne auf Zusammenhänge einzugehen. Popularisierender Meilenstein war das zweibändige „The Photobook – A History“ von Martin Parr und Gerry Badger (2004 und 2006). Parr/Badger haben sozusagen die Eckpfeiler eingeschlagen und die nach ihrer Meinung besten Fotobücher seit Ende des 19. Jahrhunderts aus aller Welt zusammengetragen und mit Umschlägen sowie aufgeschlagenen Seiten präsentiert.

Nach dem großen Ganzen kommt in der Regel die Ausdifferenzierung. So folgten u.a. „Wien im Bild“ von Michael Ponstingl (2008), „Köln und seine Fotobücher“ von Werner Schäfke und Roman Heuberger (2010), dann die drei ausgezeichneten Werke und zuletzt „The Latin American Photobook“ von Horacio Fernandez (2011). Der Fokus liegt also auf Städte, Länder, Regionen, und Kontinente. Man könnte sich auch andere sachbezogene Themen oder sogar einzelne Fotografen als Objekte solcher Anthologien vorstellen: Architektur, Landschaft, Sport, Propaganda oder einzelne Epochen. Auch so etwas wird noch kommen, wetten dass?

Grundsätzlich gilt: Jede Auswahl spiegelt Vorlieben und besondere Interessen der jeweiligen Herausgeber wider, auch wenn sie sich um objektive Kriterien bemühen. Auswahlkriterien sind etwa bei Koetzle Höhepunkte des Mediums bezüglich Kunst und Handwerk, fotografische Strategie und Haltung bzw. Authentizität. Pfrunder nennt u.a. künstlerische Qualität, Rezeption, Einfluss auf die Entwicklung des Mediums, gestalterische Innovation, inhaltliche Relevanz oder kreativer Umgang mit dem fotografischen Bild. Wiegand hebt den innovativen Charakter, das Zusammenspiel von Bildern und Texten, historische Bedeutung des Buchs, dessen Stellenwert im Oeuvre des Künstlers oder Druck und Ausstattung hervor. Man sollte mal einen Versuch machen: Verschiedene Teams sammeln unabhängig voneinander Fotobücher zu einem bestimmten Thema. Würden sie bei Anwendung der oben genannten Kriterien dieselben Exemplare auswählen?

 

Alle drei Bände bereiten ihr Material unterschiedlich auf. Koetzle geht chronologisch vor und präsentiert 130 Fotobücher von 1897 bis 2011. Paris ist die Wiege der Fotografie, von daher muss er sein besonderes Interesse nicht rechtfertigen. Dabei konzentriert er sich nicht auf in Paris entstandene Fotobücher, sondern auf Fotobücher, die Paris thematisieren unabhängig von ihrer Herkunft: „Eyes on Paris“ eben. Jedes Buch wird auf mindestens einer Doppelseite vorgestellt. Aufschlagseiten und Umschlagreproduktionen zeigen großzügig den Charakter des jeweils vorgestellten Buches, ergänzt von einem einordnenden Essay. Seine bibliografischen Angaben sind dagegen sehr knapp, für Sammler vielleicht zu knapp, denn Gestaltungsvarianten und weitere Auflagen führt er nicht an.

Pfrunders „Schweizer Fotobücher“ versteht sich als zusammenfassender Überblick. Es handelt sich durchweg um Helvetica, also um in der Schweiz erschienene oder von Schweizer Fotografen erarbeitete Fotobücher, die in ausführlichen Essays vorgestellt werden. Pfrunders Buch ist dabei das am stärksten textlastigste unter den drei Neuerscheinungen. Die Abbildungen mit Umschlag und aufgeschlagenen Doppelseiten stehen nicht unbedingt im Mittelpunkt. Auf fast 600 Seiten werden gerade 70 Bücher vorgestellt. Es geht darum, „eine andere Geschichte der Fotografie zwischen 1927 bis heute“ (Untertitel) zu erzählen und zwar im Sinne einer „Parallelführung von Fotogeschichte und Fotobuchgeschichte“. Das gelingt ausgezeichnet. Dass mit der Schweiz eher eine Randzone in den Fokus rückt, macht diesen Ansatz nur noch spannender.

Bei „Deutschland im Fotobuch“ geht es nicht um in Deutschland erschienene Fotobücher, sondern um eine prägnante Auswahl an Fotobüchern, die Deutschland thematisieren. 287 Beispiele aus der Zeit von 1915 bis 2009 haben Wiegand und Heiting ausgewählt und elf treffenden Überschriften zugeordnet, etwa „Landschaften“, „Arbeit“, „Menschen“ oder „Typisch“. Zu jedem dieser Themen gibt es einen zusammenfassenden Essay. Auch Heiting/Wiegand stellen jedes Buch auf einer Einzel- oder Doppelseite mit mehreren, vielfach großformatigen Abbildungen vor. Die Texte sind äußerst knapp und prägnant gehalten. Hinzu kommen präzise bibliografische Angaben, die bisweilen genauso viel Platz einnehmen wie die Beschreibung selbst. Als einziges im Querfomat kommt „Deutschland im Fotobuch“ als „Ausstellung zwischen Buchdeckeln“ daher. Aus gestalterischer Sicht gelingt hier am überzeugendsten der Brückenschlag zum Fotobuch im Sinne eines perfekten Zusammenspiels von gelungenem Layout, schöner und lesbarer Typografie und textlich hoher Qualität.

Fazit: Es gibt viele Möglichkeiten, ein Buch über Fotobücher zu machen. Wenn es eine optimale Lösung gäbe, wäre nur ein Buch mit Gold ausgezeichnet worden. Unterschiedliche Interessenlagen der Herausgeber zeitigen unterschiedliche Ergebnisse. Sicher ist, dass es weitere derartige Publikationen geben wird: Fotobücher in Russland, Fotobücher aus China? Berlin und seine Fotobücher? Frankreich, England oder die USA im Fotobuch? Fortsetzung folgt!

  • Titel: Eyes on Paris
  • Untertitel: Paris im Fotobuch 1890 bis heute
  • Bildautor: 
  • Textautor: Hans Christian Adam, Hans-Michael Koetzle, Christoph Schaden, Thomas Wiegand
  • Herausgeber: Hans-Michael Koetzle
  • Gestalter: Detlev Pusch
  • Verlag: Hirmer
  • Verlagsort: München
  • Erscheinungsjahr: 2011
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 420
  • Bindung: Hardcover (Museumsausgabe), Hardcover mit Schutzumschlag (Buchhandelsausgabe)
  • Preis: 49,90 Euro (Buchhandelsausgabe)
  • ISBN: 9783777441313
  • Titel: Schweizer Fotobücher 1927 bis heute
  • Untertitel: Eine andere Geschichte der Fotografie
  • Bildautor: 
  • Textautor: Martin Gasser, Sabine Münzenmaier, Peter Pfrunder und andere
  • Herausgeber: Peter Pfrunder (Fotostiftung Schweiz)
  • Gestalter:  Integral Lars Müller / Esther Butterworth und Lars Müller
  • Verlag: Lars Müller
  • Verlagsort: Baden
  • Erscheinungsjahr: 2011
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 576
  • Bindung: Leinen, Schutzumschlag, Bauchbinde
  • Preis: 75 Euro
  • ISBN: 978-3037782606
  • Titel: Deutschland im Fotobuch
  • Untertitel: 287 Fotobücher zum Thema Deutschland aus der Zeit von 1915 bis 2009
  • Bildautor: 
  • Textautor: Thomas Wiegand
  • Herausgeber: Manfred Heiting
  • Gestalter: Manfred Heiting
  • Verlag: Steidl
  • Verlagsort: Göttingen
  • Erscheinungsjahr: 2011
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 492
  • Bindung: Hardcover mit Lesebändchen
  • Preis: 75 Euro
  • ISBN: 978-3869302492

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