The Dutch Photobook since 1945

Ein Land und seine Fotobücher

Dutch_Cover

Und wieder ist eine Neuerscheinung zum Thema Fotobuchgeschichte zu melden; dieses Mal geht es um die Niederlande. Obwohl: Über kaum ein anderes Land ist hinsichtlich seiner Fotobücher schon so viel geschrieben worden. 1989 erschien ein erster Überblick, das dicke fotogeschichtliche Standardwerk des Landes enthält ein langes Kapitel dazu und es gibt mehrere Publikationen über die Firmenbücher (siehe Literaturliste im Anhang). Dass es zum Thema kein Referenzwerk gebe, wie im Vorwort der Neuerscheinung selbstbewusst behauptet wird (S.6), stimmt also nicht wirklich. Was bislang noch fehlt, ist eine Ausweitung der Perspektive auf Fotobücher aus der Zeit vor 1945.

Holland mag ja geografisch oder von der Einwohnerzahl eher klein sein, aber bei den Fotobüchern ist es ein Riese und spielt weltweit in der ersten Liga. Die Fotografen, Gestalter, Druckereien und Verlage haben insbesondere seit den Jahren nach 1945 viel Mut zum Experiment und zur Kompromisslosigkeit bewiesen. Die erreichte Spitzenstellung in Sachen Fotobuch wurde bis heute gehalten – die vor ein paar Jahren gezeigte Ausstellung Pages machte das deutlich. Offenbar haben die holländischen Fotokünstler und ihre Layouter schon immer verstanden, dass ein Fotobuch mehr als das bloße Versammeln von Abbildungen ist und die entsprechenden Möglicheiten dazu konsequent erforscht, angewendet und weiterentwickelt.

Wie sieht das nun für dieses Überblickswerk aus? Das Buch begleitet eine Ausstellung des Fotomuseums in Rotterdam (10.3.-20.5.2012). Es liegt in einer niederländischen und in einer englischen Ausgabe vor, was für die internationale Rezeption des Buches und damit auch für die darin vertretenen Künstler von Vorteil ist. Die Publikation ist aber kein Ausstellungskatalog, denn sie stellt mit 124 Titeln mehr Bücher vor, als in Rotterdam zu sehen sind und enthält weder Reproduktionen von Originalabzügen noch zeigt sie Dummys wie die Ausstellung. Entscheidendes Kriterium der Auswahl der Bücher war die Herkunft der Fotografinnen und Fotografen. Dagegen sind die Themen der Bücher nicht unbedingt auf die Niederlande beschränkt, doch ist hierzu ein Schwerpunkt zu finden. Auf ähnlicher Grundlage steht im Übrigen das ansonsten anders konzipierte und gestaltete Buch über die Schweizer Fotobücher.

Die vorgestellten Werke sind zuerst nach Themen und in zweiter Linie chronologisch geordnet: Landschaft, Jugend, Industrie, Reportagen, Städte, autonome Fotobücher. Zu jedem Themenkapitel gibt es einen einleitenden Essay. Die einzelnen Buchbeschreibungen stammen nicht nur von den Herausgebern, sondern auch von 14 weiteren versierten Autoren. Man findet bei der von Frits Gierstberg und Rik Suermondt besorgten Auswahl viele Bekannte wieder, die sich bereits in den früheren Büchern über holländische Fotobücher oder in den übergreifenden Werken wie dem von Parr und Badger bewährt hatten; besonders groß ist die Übereinstimmung mit dem 1989 (unter Mitwirkung von Suermondt) publizierten Katalog Photography between Covers, der, nun komplett in Farbe, großzügiger bebildert und mit anderer Textkonzeption, sozusagen bis in die Gegenwart fortgeschrieben wurde. Eine gewisse Übereinstimmung gibt es auch zum Buchkapitel in Dutch Eyes. Trotzdem lohnt sich die Anschaffung der facettenreichen Neuerscheinung, denn es gibt noch immer viele Entdeckungen zu machen. Die Auswahl mag nicht jedem einleuchten und es dürfte Übersehenes und Überbewertetes geben. Aber bei Zusammenstellungen dieser Art wird man es nie allen recht machen können. Im besten Fall provoziert ein solches Werk Diskussionen und lädt zum Nacharbeiten ein.

Die Gestaltung des Buches ist dezent und sachlich. Die Essays werden von einer markanten Bildseite eingeleitet und sind in einer größeren Schrift als die Buchbeschreibungen gesetzt. Die zugehörigen Abbildungen – Schutzumschlag oder Einband, aufgeschlagene Doppelseiten – werden immer dann, wenn es nötig oder möglich war, von Einbandvarianten fremdsprachiger Ausgaben oder bei Reihen auch von Bildern von Schwestertiteln ergänzt (wie bei der Stadtportrait-Serie Dit is…/This is…/Das ist…). Jedem Buch werden dabei entweder eine Einzel- oder eine Doppelseite eingeräumt, die Zahl der Abbildungen schwankt zwischen einer Reproduktion aller Seiten (für zwei schmale Rarissima: Monsters van de Peel und Chili September 1973) und, bei der Reihe In almost every Picture, mit neun Bildbeispielen für zehn Bände. Das vom Studio Joost Grootens erarbeitete Layout ist übersichtlich und variantenreich, bleibt aber für den Textsatz, die Verwendung von Bildgrößen und das Anordnen der Elemente Überschrift, Bibliographie, Beschreibung und Bilder im bislang üblichen Rahmen. Es wird für Gestalter von Büchern über Fotobücher immer schwieriger, sich dazu etwas Neues einfallen zu lassen. Das gelang Grootens allerdings mit den erstmals für eine derartige Publikation verwendeten Bildstatistiken, in denen mit Thumbnails der Buchcover das Inhaltsverzeichnis und im Anhang eine Zeitleiste, ein Größenvergleich, ein Vergleich der Auflagenhöhe und die Register der Buchtitel, Fotografen und Gestalter visuell aufgepeppt wurden. Das war zwar inhaltlich nicht zwingend notwendig, macht aber aus dem drögen Statistik- und Namenslistenmaterial eine eingängige, unverwechselbare und originelle Präsentation, wie man sie in einem niederländischen Fotobuch-Buch – mit der reichen Tradition im Rücken – durchaus erwarten darf.

 

Literaturhinweise zu niederländischen Fotobüchern

Mattie Boom, Photography between Covers – Foto in omslag – The dutch documentary photobook since 1945, Amsterdam 1989

Mireille Thijsen, Het Bedrijfsfotoboek 1945-1965, Rotterdam 2002

Dutch Eyes. A Critical History of Photography in the Netherlands, Ostfildern 2007 (darin: Rik Suermondt/Mirelle Thijsen, The Photobook after the Second World War, S.424-469)

Flip Bool, Duitsland sinds 1945 door het oog van Nederlandse fotografen/Germany since 1945 through the Eye of Dutch Photographers, Breda 2008

Pages. Als Katalog der Wanderausstellung erschien das Heft: Fw: #7 Pages. A new generation of Photo Books from the Netherlands, hg. v. Hans Gremmen, Amsterdam 2008

Rens Holslag/Jaap van Triest, Bedrijfsboek in beeld, Lecturis documentaire 28, Eindhoven 2011

 

  • Titel: The Dutch Photobook
  • Untertitel: A thematic Selection from 1945 Onwards
  • Bildautor: (diverse)
  • Textautor: (16 Autoren)
  • Herausgeber: Frits Gierstberg, Rik Suermondt

  • Gestalter: Studio Joost Grootens
  • Verlag: NAi Publishers
  • Verlagsort: Rotterdam
  • Erscheinungsjahr: 2012
  • Sprache: niederländisch, englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 240
  • Bindung: illustriertes Hardcover, Lesebändchen
  • Preis: 49,90 Euro (dutch Ed.), 59,90 Euro (english Ed.)
  • ISBN: 978-90-5662-845-1 (dutch Ed.), 978-90-5662-846-8 (english Ed.)

Eine Antwort zu The Dutch Photobook since 1945

  1. Pingback: Fotobücher auf dem Seziertisch | kasseler fotobuchblog

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