Fotobücher auf dem Seziertisch

Der erste Band über „Deutschsprachige Fotobücher von 1918 bis 1945“ ist erschienen

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Die beiden Herausgeber Manfred Heiting und Roland Jaeger lassen keinen Zweifel aufkommen, wie sie Autopsie verstanden wissen wollen: Nämlich im ursprünglichen Sinn, als „Sehen mit den eigenen Augen“ – daher das Vergrößerungsglas auf dem Buchdeckel. Autopsie ist ja immerhin auch eine Leichenöffnung. Allerdings ist derzeit kaum etwas so lebendig wie die Diskussion über Fotobücher, wofür nicht nur dieser Blog beispielhaft ist. Zuletzt haben bekanntlich diverse Publikationen das Interesse am Fotobuch forciert wie Schweizer Fotobücher, Deutschland im Fotobuch, Eyes on Paris (alle 2011) und zuletzt The Dutch Photobook since 1945. Dieser Ansatz auswertender Sichtung war wichtig und wird in einzelnen Fällen weiter wichtig bleiben, schärft er doch das Bewusstsein für das künstlerische Fotobuch. Aber macht es auf Dauer wirklich Sinn, zu jedem Land oder jeder größeren Stadt die herausragenden Muster der Gattung aufwendig vorzustellen?

Autopsie – Deutschsprachige Fotobücher von 1918 bis 1945 verabschiedet sich von diesem Konzept und geht einen bedeutenden Schritt weiter. Nicht mehr die bibliophile Präsentation „bedeutender“ Einzelwerke leitet das Interesse. In Übereinstimmung mit den im Vorwort formulierten Maximen „Anschauung, Information, Analyse“ werden stets größere Zusammenhänge aufgezeigt. Um nämlich „von der Anschauung zur Wissenschaft“ (Heiting) zu gelangen, wird die Fotobuchgeschichte des Zeitabschnitts auf breitester Materialbasis nach allen Richtungen hin gesichtet und untersucht. Fotobücher entstehen im Beziehungsgeflecht von Fotografen, Autoren, Buchgestaltern, Verlagen und Druckereien. Daher behandeln die 13 Autorinnen und Autoren in 34 Beiträgen (allein 18 stammen von Jaeger) Fotobücher nicht mehr primär unter ästhetischen oder kunstwissenschaftlichen, sondern vielmehr unter buchkundlichen Gesichtspunkten. Zweifel ist der Wissenschaft Motor, will meinen: „Erst wenn man ein Buch selbst in der Hand gehabt hat, weiß man, dass es diesen Titel in dieser Ausstattung tatsächlich gibt und wie er aussieht“ (Heiting). Es geht um nichts weniger als die exakte Darstellung der Entstehung von Werken und Reihen, um die Nennung von Varianten, um innere und äußere Gestaltung, Auflagen, Formate, Preise, Werbung, Autoren, Papier, Drucktechnik etc. Nach einleitenden Aufsätzen zur Entwicklung der Druckverfahren und einer begriffsgeschichtlichen Skizze zum Fotobuch behandeln die Autoren u.a. Themen wie charakteristische Mappen- und Sammelwerke, Fotobuchreihen und Bilderkompendien. Themenkomplexe wie Heimatfotografie, fotografische Anleitungs- und Lehrbücher, Kinderbücher, Firmen- und Propagandaschriften oder Werbekampagnen für Fotobücher. Porträts ausgewählter Verlage fehlen ebenso wenig wie Beiträge über Werk und Wirkung wichtiger oder den Zeitraum prägender Fotografen (z. B. Karl Blossfeldt oder Hitlers Hausfotograf Heinrich Hoffmann) bzw. Untersuchungen zu wegweisenden Einzelwerken (etwa Tucholsky/Heartfields Deutschland, Deutschland über alles, Sanders Antlitz der Zeit oder Moholy-Nagys Malerei, Photographie, Film).

Das Fotobuch auf dem Seziertisch! Am Ende eines jeden Beitrags werden sämtliche bibliografischen Nachweise detailliert in einem grau abgesetzten Kasten aufgeführt. Erst mit einem solch genauen Apparat können Bezüge hergestellt, fundierte vergleichende Aussagen getroffen und weitere Forschungen in Angriff genommen werden.

Bis hierher könnte man annehmen, Autopsie sei nichts weiter als eine wissenschaftliche, mit Aufsätzen angereicherte Bibliografie. Mitnichten, auch die Anschauung, besser das Anschauen hat größtes Gewicht, denn das Buch ist exzellent gestaltet. Trotz grafischem Raster (zweispaltiger Druck, markante Begrenzungslinien oben und unten) nimmt Heiting sich in Layout und Typografie alle Freiheiten, indem er das ganze Repertoire inszenatorischer Möglichkeiten nutzt: Das üblich gewordene Muster – Abbildung von Buchumschlägen mit aufgeschlagenen Seiten – erweitert er durch Collagen, perspektivische Ansichten, Bilder von Buchstapeln, Reihungen von Buchrücken etc. Das wissenschaftliche Textkorpus wird somit – in gegenseitiger Entsprechung – ausführlich bestens visuell untermauert.

Der zweite Band ist bereits angekündigt. Eine Fortsetzung wird es auch im Internet mit der Datenbank www.fotobuch-autopsie.de geben. Hier sollen nach und nach ca. 5000 deutschsprachige Fotobücher zwischen 1918 und 1945 beschrieben und mit jeweils allen Ausgaben, Auflagen und Ausstattungsvarianten erfasst werden. Eine Fortsetzung für die Zeit nach 1945 wäre zu wünschen.

  • Titel: Autopsie
  • Untertitel: Deutschsprachige Fotobücher 1918 bis 1945, Band 1
  • Bildautor: 
  • Textautor: Ute Brüning, Sebastian Fitzner, Janos Frecot, Thomas Friedrich, Birgit Hammers, Manfred Heiting, Roland Jaeger, Enno Kaufhold, Dorothea Peters, Patrick Rössler, Rolf Sachsse, Rainer Stamm, Thomas Wiegand
  • Herausgeber: Manfred Heiting, Roland Jaeger
  • Gestalter: Manfred Heiting
  • Verlag: Steidl
  • Verlagsort: Göttingen
  • Erscheinungsjahr: 2012
  • Sprache: deutsch
  • Format: 27,5 x 29,5 cm
  • Seitenzahl: 516
  • Bindung: illustriertes Hardcover, Lesebändchen
  • Preis: 95 Euro
  • ISBN: 978-3-86930-412-0

3 Antworten zu Fotobücher auf dem Seziertisch

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