Ein Fotobuchkontinent wird neu entdeckt

The Soviet Photobook 1920 - 1941

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Dass es in der Sowjetunion in den zwanziger und dreißiger Jahren eine außerordentlich reiche avantgardistische Fotobuchkultur gegeben haben muss, war nicht zuletzt durch die Fotobuch-Bücher zu erahnen, in denen immer wieder einzelne sowjetische Fotobücher vorkamen. Und es gibt dazu schon eine Arbeit des Buchkünstlers und -forschers Mikhail Karasik, aber dies nur in Russisch, was den Leserkreis einschränkt.* Nun wird dieses Standardwerk von einer völlig überarbeiteten und erweiterten Fassung in Englisch abgelöst. Damit sind die Voraussetzungen gegeben, dass man den bislang nur schemenhaft erkennbaren Fotobuchkontinent in aller Deutlichkeit vor sich liegen sieht. Gefördert von Stalin durften/mussten die russischen Avantgardisten an illustrierten Büchern mitwirken, was heute deren besondere Qualität und Relevanz ausmacht. Kein Aufwand wurde gescheut, um diese Werke zu gestalten: Montagen, Farben, Prägungen, Faltungen, Metalleinlagen… Die Bücher waren Meisterleistungen und dienten der Propaganda vor allem im Inland, zuweilen aber auch für das Ausland, so ein größeres Konvolut von in Englisch getexteten Publikationen der UdSSR zur Weltausstellung in New York 1939. Zudem gab es mit dem Magazin USSR in Construction ein kontinuierlich die Ideen des Kommunismus und mit ihnen die Ästhetik der russischen Avantgarde in englischen, deutschen, französischen und spanischen Auslandsausgaben verbreitendes Medium.

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Das dicke und schwere, von Manfred Heiting herausgegeben und gestaltete Buch gibt einen in 17 Kapitel (Industrialisierung, Staatsjubiläen, Rote Armee etc.) geordneten Überblick mit 165 einzelnen Werken. Diese mögen seinerzeit große Auflagen gehabt haben, doch heute sind sie sehr selten und im westlichen Ausland praktisch nicht erreichbar. Von daher ist das üppig ausgebreitete Material an Reproduktionen von unschätzbarem Wert, denn die vorgestellten Bücher wird man normalerweise entweder gar nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten (Recherche, Zeit, Genehmigungen, finanzieller Aufwand) zu Gesicht bekommen. Autor Karasik lebt in St. Petersburg, hat sich jahrelang mit dem Thema beschäftigt und kennt die Materie aus dem Effeff. Neben einer zusammenfassenden Einleitung hat er für jedes Buch eine kurze Würdigung und selbstverständlich die bibliographischen Daten (in englischen Übersetzungen) beigesteuert. Marina Orlova hat für den Anhang ein kurzes, aber hinsichtlich der Menge der Namen und Begriffe gehaltvolles Glossar der beteiligten Fotografen, Designer, Textautoren und Politiker erarbeitet. Von Heiting stammt nicht nur das Vorwort, sondern auch und vor allem das Layout. Für den Einleitungsteil und die Kapiteltrennungen hat er den Stil der stalinistischen Fotobücher aufgenommen, sonst aber für eine sachlich-dienende, aber immer kraftvolle Gestaltung gesorgt, die die Möglichkeiten zur Präsentation von Fotobüchern (nach Deutschland im Fotobuch und Autopsie) erneut erweitert. Wie schon in Autopsie werden die Bücher ohne Gebrauchsspuren in einer dem Neuzustand angenäherten Form abgebildet.

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Propaganda als Mittel der Politik führte vor allem in totalitären Regimes zu aufwändigen Druckwerken: die faschistischen Regierungen in Deutschland, Italien, Spanien und Portugal nahmen sich nur ausnahmsweise die Ästhetik der Russen zum Vorbild. Zu einer versachlichten Bildsprache und deutlich vereinfachten Produktionen kam es nach 1945 in der Sowjetunion selbst und in Anlehnung daran in anderen sozialistischen Staaten wie der DDR, Polen und der CSSR. Wie sich die Propaganda in chinesischen Fotobüchern manifestiert hat, zeigt The Chinese Photobook von Martin Parr und WassinkLundgren. Auf Basis der Themen und Ästhetik der Stalinzeit hatte sich ein Standard herausgebildet, der in unterschiedlichen Ländern immer wieder neu durchdekliniert wurde und der lange wirksam blieb (was das Feld für weitergehende Untersuchungen öffnet).

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Die stalinistische Politik war nicht menschenfreundlich. Die Bücher, die während dieser Zeit zur Darstellung ihrer Ziele und Erfolge erschienen, zeigen in jeder Beziehung und auf allerhöchstem Niveau ein anderes Bild. Karasik und Heiting gebührt das Verdienst, das Material für eine eingehende Diskussion dieser besonderen Spielart der Propaganda aufbereitet und in Form dieses fulminanten Standardwerks bereit gestellt zu haben. Auch wer sich für Fotobücher und politikgesteuerte Publizistik nicht interessiert, wird lange brauchen, die unglaubliche Fülle avantgardistischer Fotografie und kongenialen Designs verarbeiten zu können!

Buch und Versandkarton

Buch und Versandkarton

links: Mikhail Karasik, Great Stalinist Photographic Books, Moskau 2007 (ohne Schutzumschlag), rechts: Mikhail Karasik, Udarnaya kniga sovetskoy detvory, Moskau 2010 (über illustrierte Kinderbücher der Stalinzeit)

* links: Mikhail Karasik, Great Stalinist Photographic Books, Moskau 2007 (ohne Schutzumschlag), rechts: Mikhail Karasik, Udarnaya kniga sovetskoy detvory, Moskau 2010 (über illustrierte Kinderbücher der Stalinzeit)

 

  • Titel: The Soviet Photobook 1920-1941
  • Untertitel: 
  • Bildautor: 
  • Textautor: Mikhail Karasik sowie Manfred Heiting (Vorwort), Marina Orlova (biographischer Anhang)
  • Herausgeber: Manfred Heiting
  • Gestalter: Manfred Heiting
  • Verlag: Steidl
  • Verlagsort: Göttingen
  • Erscheinungsjahr: 2015
  • Sprache: englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 636
  • Bindung: Illustriertes Hardcover, Lesebändchen. Lieferung im Versandkarton.
  • Preis: 125 Euro
  • ISBN: 978-3-95829-031-0

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