Die Fotogeschichte einer Stadt

Leipzig von 1839 bis heute

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Ein ambitioniertes Ausstellungsprojekt führte drei Museen zur Würdigung der Geschichte der Fotografie in Leipzig zusammen: das Grassi Museum für angewandte Künste widmet sich der Frühzeit bis zum Ersten Weltkrieg, im Stadtgeschichtlichen Museum werden die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts dargestellt und im Museum der bildenden Künste hat die gegenwärtige Fotoszene ihren Auftritt (noch zu sehen bis 15. Mai 2011). Der Chronologie folgend wird das gezeigte Material von Station zu Station immer üppiger. Was mit einem beinahe spartanischen, aber nicht minder wirkungsvoll auf die Faszination der Daguerreotypien setzenden und textlich hervorragend erläuterten Überblick zur Frühzeit beginnt, ufert, um so näher man der Gegenwart kommt, in eine gewisse Beliebigkeit aus, denn unter „Leipzig“ wurde am Ende viel zu viel zusammengefasst. Ein „Loch“ hatte die Schau beim Thema DDR einschließlich deren wichtigster Ausbildungsstätte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Fotografie war bis in die 50er-Jahre Porträtgewerbe, Architekturfotografie, Bildjournalismus oder Sozialdokumentation, und seit den 80er-Jahre geht es nur noch um Kunst, erst kritisch, jetzt marktgängig. Was aber geschah in den Jahren dazwischen? Wo sind die (oft in Leipzig ausgebildeten) Fotografen, die das Bild der DDR bestimmten? Vielleicht ist die Zeit noch immer nicht reif dafür, die gewohnten Pfade zu verlassen und in das womöglich nicht ganz ungefährliche Dickicht der „offiziellen“ bildlichen Darstellung des Landes vorzustoßen.

Der dicke Katalog nivelliert ein wenig die Unterschiede, die an den drei Ausstellungsorten zu bemerken waren und füllt auch die DDR-Lücke mit Material auf. Das Buch nähert sich seinem Thema in etlichen Spezialaufsätzen, so über den als Neuentdeckung in der Ausstellung mit einem eigenen Raum gewürdigten Arbeiterfotografen Fritz Böhlemann (1892-1978) oder über das „Erbe der Magnum-Fotografen im >Land der angehaltenen Zeit<“. Der Katalog ist wie die Ausstellung in drei Teile gegliedert. Jeder Teil wird von einem prägnanten historischen Überblicksessay eingeleitet, dem die vier bis sieben Aufsätze folgen. Die jeweils abschließenden Bildbeispiele sind der Ausstellung entnommen; das Verzeichnis der Exponate liegt lose bei. Am Schluss steht ein kurzer Überblick zur Charakterisierung ausgewählter Fotosammlungen in Leipzig (allerdings ohne Adressen – anders als 2006 bei einem entfernt verwandten Buch zur Dresdener Situation*). Die Ausstellung mag vielleicht bald vergessen sein; an ihrem Katalog wird allerdings jeder nicht herumkommen, der sich mit der Geschichte der Fotografie in Leipzig und darüber hinaus in der DDR zu beschäftigten gedenkt.

Ein Postscriptum sei mir noch gestattet. Man sollte doch bitte die Werbung im Katalog nicht negativ bewerten wurde mir in Leipzig gesagt. Nein, das tue ich natürlich nicht, bin sogar froh, dass es das Buch mit Hilfe der Sponsoren überhaupt gibt. Solange diese nicht auf die Inhalte Einfluss nehmen und nicht für Waffen oder ähnliches geworben wird, spielt es doch wirklich keine Rolle, ob die Umschlagklappen eines Kataloges und Freiräume nach den Aufsätzen mit Anzeigen bedruckt sind oder nicht. Schön ist das sicherlich nicht, aber es handelt sich ja um ein wissenschaftliches bzw. dokumentierendes Werk und nicht um ein Kunst- oder Künstlerbuch, wo die Ästhetik durch die Einschübe aus der Warenwelt Schaden nehmen könnte… Die Werbung per se ist nicht peinlich, sondern die Tatsache, dass die Museen und der Verlag den Katalog mangels entsprechender Mittel anders nicht zu finanzieren vermochten!

 

* Wolfgang Hesse, Katja Schumann (Hg.), Mensch! Photographien aus Dresdner Sammlungen, Jonas Verlag Marburg 2006

  • Titel: Leipzig. Fotografie seit 1839
  • Untertitel: 
  • Bildautor: diverse
  • Textautor: diverse
  • Herausgeber: Thomas Liebscher
  • Gestalter: 
  • Verlag: Passage Verlag
  • Verlagsort: Leipzig
  • Erscheinungsjahr: 2011
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 360
  • Bindung: Klappenbroschur
  • Preis: 39 Euro
  • ISBN: 978-3-938543-83-2

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