Die Kunst, den Krieg zu fotografieren

Agnes Matthias über den Krieg in der künstlerischen Fotografie der Gegenwart

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Ob es uns passt oder nicht, das Interesse am Krieg ist seit den Anschlägen des 11. September stetig angewachsen, eine Tendenz, die sich auch in einer gesteigerten Kunstproduktion und Ausstellungspraxis spiegelt. Agnes Matthias liefert nun die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Krieg und Fotografie im künstlerischen Kontext jenseits kuratorischer Praxis nach. Es werden fünf verschiedene Perspektiven entwickelt, die weniger den Krieg selbst zeigen, als vielmehr Bilder des Krieges. Die Autorin reflektiert dabei die medialen Bedingungen der fotografischen Darstellbarkeit und wie die Künstlerinnen und Künstler auf dieser Folie ihre Visualisierungsstrategien entwickeln. Sie präsentiert also eine Parallelgeschichte zur massenmedialen Fotografie, die sich als Beitrag zu einer Bildwissenschaft versteht. Rund 30 Künstlerinnen und Künstler der 1980er und 90er Jahre werden vorgestellt, darunter Allan Sekula, Rineke Dijkstra, Thomas Ruff, Jeff Wall, Alfredo Jaar, Sophie Ristelhueber, Nancy Burson, Wolfgang Tillmanns, Willie Doherty, Andrea Fisher, Ori Gersht, Seiichi Furuya oder Olu Oguibe. Die Themen: Der Konflikt in Nordirland, der Kalte Krieg, der Golfkrieg, der Bürgerkrieg in Jugoslawien oder der Völkermord in Ruanda. Agnes Matthias dekonstruiert dabei den optischen Glauben, Bilder als visuelles Analogon von Realität zu verstehen und unterstreicht, dass Wirklichkeit zunehmend das ist, was wir über Mediengebrauch als Wirklichkeit konstruieren. Die andere Fotografie, die sie vorstellt, lässt erkennen, dass sie Fotografie ist, denn sie macht im Bild ihre Form, ihre Machart und ihre Künstlichkeit zum Thema. Ein emotionaler Zugang ist nicht per se gegeben, sondern abhängig davon, was dem Betrachter an Möglichkeiten geboten wird, sich aktiv mit den Bildern auseinanderzusetzen und nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, was der Fotograf in seine Bilder hineingelegt hat. Als Mittel, die dabei zum Einsatz kommen, nennt Agnes Matthias die Auslassung oder den Verweis. In dieser Ästhetik der Absenz rücken also an die Stelle von Kampfhandlungen deren Spuren oder die Überlebenden.

Ein wichtiges Buch für alle, die sich über den genannten Zusammenhang vor dem Hintergrund der medialen und bildwissenschaftlichen Bedingungen informieren wollen und die Fotografien bereits kennen. Alle anderen würden sich vermutlich bessere Abbildungen und weniger Text wünschen. Aber so sind eben Dissertationen angelegt, primär geht es darum, Kompetenz zu beweisen.

Bei all dem darf auch nicht vergessen werden: Die Annahme, Krieg sei vor allem ein Medienereignis, lässt sich nur bis maximal an die Grenzen der Krisengebiete aufrechterhalten (Werner Fenz).

  • Titel: Die Kunst, den Krieg zu fotografieren
  • Untertitel: Krieg in der künstlerischen Fotografie der Gegenwart
  • Bildautor: diverse
  • Textautor: Agnes Matthias
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: 
  • Verlag: Jonas Verlag
  • Verlagsort: Marburg
  • Erscheinungsjahr: 2005
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 344
  • Bindung: Hardcover
  • Preis: 30 Euro
  • ISBN: 3894453575

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