Heckenschützen mit Kamera

Hundewege des konspirativen DDR-Alltags

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Dass die DDR ein kleingeistiger Scheißstaat war, wird in diesen vier schmalen Heften im Schuber aufs schönste deutlich: Mehr braucht es kaum, um den Beweis zu führen. Aus tausenden Stasifotos hat der 1970 in Apolda geborene Fotograf Jens Klein den „Index eines konspirativen Alltags“ im Leipzig der Jahre 1984 und 1985 herausdestilliert und in vier Heften zusammengefasst. Jeder Kommentar erübrigt sich, weshalb man auf solche konsequenterweise verzichtet hat. Pro Seite ein Foto, darunter eine große weiße Leerstelle, das genügt, um den Irrsinn zu verdeutlichen.

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Da haben Stasispitzel sich hinter Büschen versteckt und offenbar jeden fotografiert, der ihnen vor die Linse ihrer Praktika kam. Männer, Frauen, Kinder werfen einen Brief in den Briefkasten – klick! – es fahren welche mit dem Moped vorbei – klick – Spaziergänger laufen durchs Bild – klick – Passanten marschieren an der Kleingartenanlage (KGA) „Seilbahn“ Leipzig entlang – klickklickklick. Und immer wieder, tagein, tagaus.

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Man muss das ja mal von der anderen Seite her sehen, aus der Perspektive der Stasi-Leute. Was für ein Hundeleben! Jeden Tag auf der Lauer liegen, sich den Arsch abfrieren bei Wind, Wetter und Regen oder schwitzen wie die Mastschweine in der Sommerglut. Hatten ja sonst nichts zu tun, keinen anständigen Beruf erlernt, konnten nichts, schon gar nicht fotografieren, wie man hier sieht. Sie machten einfach ihren Job und bildeten sich (vielleicht) ein, eine höchst wichtige Mission zu erfüllen. Wie aufregend, ich schütze den sozialistischen Staat vor seinen Bewohnern – voll agentenmäßig! Warum fährt einer Mofa, warum wirft jene einen Brief in den Kasten, wieso geht die alte Dame da entlang? Höchst verdächtig, kann nicht erklärt, muss also „geklärt“ und aufgenommen werden – alles Beweise, könnten ja Staatsfeinde sein. Hinterher dann wahrscheinlich Statistik: wie viele werfen ihren Brief von rechts kommend in den Kasten, wie viele von links kommend, wer trägt Hut, wer ist mit einem Mantel bekleidet, wer hat Schnupfen?

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Die Fotos sind unscharf, verwackelt, schlecht belichtet, grobkörnig – und langweilig. Sie besagen ja nichts, bedeuten nichts, tragen keine Informationen, die über das Gezeigte hinausgehen: Fahrradfahrer, Mopedfahrer, Spaziergänger, Passanten an Briefkästen. Und dennoch waren diese Fotos Eingriffe in die Privatsphären derer, die hier „festgehalten“ wurden. Die Stasi-Leute haben Bürger mit der Kamera geschossen. Man stelle sich vor, sie hätten anstelle von Kameras Pistolen in der Hand gehabt…

PS Das in sehr kleiner Auflage erschienene gedruckte Buch ist längst vergriffen. Wer etwas davon sehen will, kann dies anhand einer Datei zu einer Ausstellung ähnlichen Inhalts tun, die Jens Klein über seine Website zugänglich gemacht hat.

  • Titel: Hundewege. Index eines konspirativen Alltags
  • Untertitel: 
  • Bildautor: anonyme Fotografen, Bildauswahl und Konzeption Jens Klein
  • Textautor: 
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Helmut Völter
  • Verlag: Institut für Buchkunst
  • Verlagsort: Leipzig
  • Erscheinungsjahr: 2013
  • Sprache: deutsch
  • Format: 20 x 22,5 cm
  • Seitenzahl: 164
  • Bindung: vier Hefte in Schuber
  • Preis: (vergriffen)
  • ISBN: 978-3-932865114

2 Antworten zu Heckenschützen mit Kamera

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