Ohne Ostalgie

Andreas Trogisch beschreibt die Hauptstadt der DDR in Wendezeiten

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Kann es poetische, fast zärtliche Erinnerungen an einen Untergang geben? Gleich Vineta ging die „Hauptstadt der DDR“ unter. Jenseits jeglicher Verklärung oder gar von politischen Zuweisungen zeigt Andreas Trogisch (Strassen-)Porträts von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Ost-Berlin von 1985. Dann in der „Wendezeit“ 1990 streifte er durch das steinerne Berlin. In erstaunlicher Weitsicht bannte er jene Stadtansichten und Strassendetails auf Schwarzweiss-Film, die in der Folge verschwinden sollten (ähnlich wie sie im Westteil der Stadt schon viele Jahre früher ausgemerzt wurden). Aber Achtung: Dies Buch ist kein Buch über die DDR, auch kein weiteres Berlin-Buch.

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Stets ein wenig skeptisch, bisweilen auch leicht amüsiert, jedoch nie misstrauisch sehen uns die Porträtierten an. Ihre Kleidung variiert zwischen altmodisch und exaltiert, Arbeitskluft bis Rüschenjabot. Ich könnte mir manche Protagonisten auch in Liverpool oder Prag vorstellen, dennoch geht von ihnen etwas unerklärbar Berlinisches aus. Wie ähnlich waren wir uns damals auf den jeweiligen Seiten der Mauer! Die Stadtansichten bestehen aus Brachen, verrotteten Fassaden, unerwarteten Architektur-Ensembles und Wandbildern mit fast vergessenen Schriftzügen. Statt Coca-Cola oder Esso sind es hier natürlich die Embleme der HO oder total verblasste Inschriften aus weit älterenTagen. Hartes Sonnenlicht führt zu teils vertrackten Schwarz-weiss-Feldern aus Mauern, Blechzaun und Schaufenstergardinen. Das Triviale, Ruppige, das verblüffend reizvoll ist. Ein Berlin, wie es heute, so scheint es, endgültig verschwunden ist.

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Abgesehen von diesen thematischen Erwägungen sehen wir eindringliche Porträts und unerwartete Blicke auf die Stadt. Die Bilder sind manchmal ins Abstrakte verdichtet und bringen das Labyrinthische der damaligen Stadt zur Geltung. Trogisch verfügt über eine stilsichere und dabei unaufdringliche Bildsprache. In voraus gegangenen Peperoni-Büchern hat der Autor gezeigt, dass damit auch Barcelona oderTel Aviv fotografiert werden können. Die vorliegende Konzentration auf das Ost-Berlin von 1985 und 1990 hat jedoch zu einer noch intensiveren erzählerischen Dichte geführt, die das Sujet fast vergessen lässt: Fotografie in Reinkultur.

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Hannes Wanderer erfreut immer wieder mit vorzüglicher Produktion seiner Peperoni-Bücher. Sehr gut gedruckt, und das Layout, die Buchparameter sind stets wunderschön und frei von Effekthascherei – vorbildlich!

  • Titel: Vineta 1985 / 1990
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Andreas Trogisch
  • Textautor: Anja Maier
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Troppo Design
  • Verlag: Peperoni Books
  • Verlagsort: Berlin
  • Erscheinungsjahr: 2016
  • Sprache: deutsch, englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 118
  • Bindung: illustrierte Broschur
  • Preis: 35,00 Euro
  • ISBN: 978-3-941825-94-9

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