Bunte DDR in blassgrau

Ulrich Burchert über ein „lebendiges“ Land

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Als kürzlich eine Fotoausstellung aus der Sammlung des Willy Brandt-Hauses ebendort eröffnet wurde, betonte man, die darin vertretenen DDR-Fotografien stammten von systemkritischen Lichtbildnern. Das schien mir sonderbar, denn welche Kriterien gibt es für kritische Haltung, und handelt es sich nicht wieder einmal um eine Deutung aus BRD-Sicht?

Mit dem vorliegenden Band tritt ein Fotograf hervor, der seinem inzwischen untergegangenen Land zugeneigt, jedoch nüchtern, nie beschönigend begegnete. Ulrich Burchert (* 1940) bezeichnet sich selbst als Bildjournalist und so werden neben vielen Einzelfotos Reportagen vorgestellt. Etwas verblüfft wähnt sich der heutige Betrachter beim Bildbericht von der „Heissreparatur“ plötzlich auf den Seiten der DDR-Illustrierten für dich. Er tauche einmal in diese Bilder ein und befrage sich, ob er jemals etwas vom damaligen Lebensgefühl „unserer Brüder und Schwestern“ begriffen hat. In der Schweizer Camera vom Oktober 1980 sagte Burchert: „Photographie ist an die nationale Kultur gebunden und lässt sich nur aus dem Wissen um die gesellschaftlichen Bedingungen und Situationen der Nation und … aus dem Lebensgefühl dessen, der dort zu Hause ist, deuten, lesen, verstehen, empfinden. Ein anderer kann auch angesprochen, berührt sein … Aber er kann auch missverstehen oder etwas hineinlesen, was für den Autor gar keine Bedeutung haben konnte…“ Ich sehe das nicht ganz so zugespitzt, stelle jedoch anheim, Burcherts These zu bedenken.

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In Thüringen heiratet ein schwarz-afrikanisches „Vertragsarbeiter“-Paar: „Ihre Hochzeit war ein fröhliches und nachdenkliches Fest zugleich.“ Eine verhaltene Nachdenklichkeit durchzieht das ganze Buch: Kann das alles ‘was werden? Burcherts besonders eindringliche Porträts von „Werktätigen“, etwa der Dispatcherin (S. 94) oder der Direktorin (S. 140), sollten einmal den Porträts von Lee Friedlander aus Factory Valleys gegenübergestellt werden – das wäre ein Systemvergleich.

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Eine Reportage über den Transport von Cremer-Skulpturen aus dessen Atelier in der Akademie der Künste am Pariser Platz versetzte Burchert unverhofft in die Lage, Mauerbilder von östlicher Seite – das war sonst streng untersagt – anfertigen zu können. Ulrich Burchert lebte (und lebt) nahe der Bösebrücke an der Bornholmer Strasse in Berlin, daher kam er in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 dazu, die Szenen festzuhalten, wie DDR-Bürger – nicht die Grenzer! – den Schlagbaum hoch stemmen.

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Formal fällt auf, dass Burchert ein Meister des Weitwinkel-Biogons an der Hasselblad ist. Wen es stört, der gehe näher an das Buch heran, und schon steht er mittendrin in Burcherts Welt. Der Fotograf wählte seinen Blickwinkel bewusst so, weil er nichts isolieren wollte. Der Betrachter soll einen möglichst vollständigen Kontext bekommen. Daher auch Burcherts Neigung zu Bildfolgen, Reportagen, wie sie heute weder im Stern noch sonstigen Magazinen mehr vorkommen. Die Wahl der Mittel jedenfalls als Konsequenz einer Überzeugung.

Ich will nicht verhehlen, dass ich einige Bilder für verzichtbar halte, zumal solche die eher Klischees über die DDR fortschreiben oder solche, die lediglich gängiges Zeitungsmaterial sind (wie z.B. die Wahlkämpfer Lothar de Maizière und Peter-Michael Diestel). Leider hat der Verlag sich und seinem Autor keinen sonderlichen Dienst erwiesen. Redaktionelle und gestalterische Mängel sind zu beklagen; unverzeihlich ist der total kraftlose Druck. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, erhält die Chance, sich einem Lebensgefühl zu nähern, das es in deutschen Landen einmal gab, – und zwar ganz ohne Ostalgie.

  • Titel: Bunte DDR
  • Untertitel: Bilder aus einem lebendigen Land
  • Bildautor: Ulrich Burchert
  • Textautor: Ulrich Burchert
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: 
  • Verlag: Verlag Neues Leben
  • Verlagsort: Berlin
  • Erscheinungsjahr: 2015
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 256
  • Bindung: illustriertes Hardcover
  • Preis: 24,99 Euro
  • ISBN: 978-3-355-01829-6


Eine Antwort zu Bunte DDR in blassgrau

  1. Während der Eröffnung meiner Ausstellung “Meine DDR. Schwarzweiße Erinnerungen, 1970 bis 1990″ in der Berliner Galerie Friedrichshain (2004) meinte ein Besucher: “Wir haben aber doch auch viel gelacht in der DDR…” “Ja, auch ich habe viel gelacht”, antwortete ich ihm, war ein überwiegend positiv denkender Mensch. Warum ist in meinen fotografischen Erinnerungen so wenig davon zu entdecken? Vielleicht war es für mich einfach zu selbstverständlich, um es mit der Kamera festzuhalten … Ich bin Ulrich Burchert dankbar für sein Buch “Bunte DDR”, weil er in wunderbaren Beobachtungen festgehalten hat, wofür ich zum Beispiel so manches Mal beim eigenen Erleben keine Antenne ausgefahren hatte. Dieser oft zitierte Blick in die eigene Seele (Bresson) offenbart eben auch so manche Überraschung. “Ja, so war’s” schrieb mir damals ein Besucher ins Gästebuch. Das hat mich glücklich gemacht. “Ja, so war’s, Ulrich Burchert. Glückwunsch zu Deinem leider so schlecht gedruckten Buch und herzliche Grüße. Ulrich Joho

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