Zeitreise in eine Zechensiedlung

Michael Wolfs Examensarbeit nach 35 Jahren als Buch

Wolf_Cover

Fotos aus diesem Buch waren schon mehrmals in anderen Büchern* und Ausstellungen zu sehen. Die ganze Serie war die Examensarbeit von Michael Wolfs Fotostudium bei Otto Steinert und liegt inzwischen, knapp 300 Abzüge umfassend, im Fotoarchiv des Ruhr-Museums in Essen. Das mehrfache Aufgreifen dieser Bilder erlaubt nicht nur das Nachvollziehen der Veröffentlichungspraxis, sondern auch der Entwicklung, die Wolf vom Studenten zum inzwischen weltberühmten (Stichwort: Metropolis in Asien) Fotografen gemacht hat. Den Abschluss der Arbeit über die Zechensiedlung Bottrop-Ebel bildet nun das vorliegende Fotobuch. Es präsentiert eine Auswahl aus der Serie in nüchterner Gestaltung. Wenige Elemente der Examensarbeit blieben erhalten, so der Stadtplan am Anfang sowie farbiges und historisches Bildmaterial im Nachwort.

Auswahl und Sequenzierung folgen zwanglos der Endlosschleife des Lebens zwischen Werktag und Wochenende und vermeidet ein allzu strenges Sortieren der Motive in Schubladen wie Kumpel unter Tage, Straßenleben, Tanz und Musik, Gastarbeiter, Schrebergärten, Taubenzucht, Kneipe, Ruhestand. Das unterscheidet das neue Buch von Maloche, einer 1982 unter maßgeblichen Beteiligung von Wolf entstandenen Gemeinschaftsarbeit der Fotografengruppe Antrazit. Ein besonderes Augenmerk hatte der Fotograf schon damals auf die Jugendlichen in der Siedlung gelegt. Es gibt im Übrigen fast kein Bild ohne Menschen – einschließlich des klassischen Motivs des in der Küche badenden „Malochers“. Insgesamt entfaltet Wolf unter sozialdokumentarischen Anspruch ein zeittypisches Panorama des Lebens im Takt der Zechen. Seinerzeit war das gerade noch möglich, heute wäre so ein Projekt undenkbar. Das Leben in Ebel, eingekeilt zwischen Autobahn, Schnellstraße, Kanal, Bahntrassen, Emscher, Hafen und Gewerbegebiet, dürfte inzwischen ganz anders ablaufen. Die bekannte, jetzt Schuber und Einband des Buches zierende Aufnahme einer Siedlungsstraße (es ist wohl die Bernestraße, gesehen vom Damm der Borbecker Straße nach Norden) ist eine Reminiszenz an Wolfs Vorgänger, nämlich René Burri und Chargesheimer, die das selbe Motiv fotografiert hatten.**

In Ebel gibt es auch eine Schürmannstraße. Das ist Zufall und hat mit dem Fotografen dieses Namens nichts zu tun, erinnert aber an die Publikation einer ähnlich alten Serie, die Wilhelm Schürmann bis 1981 in Dortmund aufgenommen hatte. Seltsam, dass die beiden Werkkomplexe aus Bottrop und Dortmund erst nach über 30 Jahren, dann aber fast zeitgleich zu Büchern zusammengefasst wurden. Heute müsste man wohl, um solche Biotope aufzuspüren und fotografieren zu können, größere Vorbehalte bei den Bewohnern überwinden oder viel, viel weiter als nur bis ins Ruhrgebiet fahren…

* Wie lebt man im Ruhrgebiet – Bewohner fotografieren, Essen 1981, S.112/113; Antrazit/Max von der Grün, Maloche. Leben im Revier, Frankfurt 1982; Otto Steinert und Schüler. Fotografie und Ausbildung 1948 bis 1978, Essen 1990, S.143; Sigrid Schneider (Hg.), Schwarzweiß und Farbe – Das Ruhrgebiet in der Fotografie, Essen 2000; Sigrid Schneider (Hg.), Alles wieder anders. Fotografien aus der Zeit des Strukturwandels, Essen/Ostfildern 2010

** in: Chargesheimer/Heinrich Böll, Im Ruhrgebiet, Köln 1958, S.21/22; René Burri, Die Deutschen, Zürich 1962, S.99

 

  • Titel: Bottrop-Ebel 76
  • Untertitel: Eine kleine Bergarbeitersiedlung im Ruhrgebiet
  • Bildautor: Michael Wolf
  • Textautor: Sigrid Schneider

  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Hannes Wanderer
  • Verlag: Peperoni Books
  • Verlagsort: Berlin
  • Erscheinungsjahr: 2012
  • Sprache: deutsch, englisch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 144
  • Bindung: 
Leineneinband und Schuber mit montierten Abbildungen
  • Preis: 40 Euro
  • ISBN: 978-3-941825-40-6


Eine Antwort zu Zeitreise in eine Zechensiedlung

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