Alles wie gehabt

Norman Mailers große Kennedy-Reportage als Riesenbildband

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Die Leserinnen und Leser der deutschen Ausgabe können sich freuen: Sie erhalten nämlich Norman Mailers Essay Superman Comes to the Supermarket auch als handliches Beiheft in ihrer Sprache, was ihnen gestattet, den Text abends im Bett zu lesen oder morgens in der U-Bahn. Beim Format des Hauptbandes von 40 x 30 Zentimetern, der mit seinen fünf Kilo Gewicht in einem faltbaren Tragekoffer geliefert wird, ist das eine enorme Erleichterung – im Wortsinn.

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Norman Mailers im Esquire erschienener Essay über den Kennedy-Wahlkampf ist viel mehr als das „pointierte Porträt einer politischen Kampagne“, wie es nett auf dem Buchumschlag heißt. Es ist die kühne Abrechnung mit dem amerikanischen Politsystem, es ist die Bloßlegung eines saturierten Establishments, das sich in unerträglicher Selbstgefälligkeit gepaart mit Rassismus kommod eingerichtet hat und sich für unangreifbar hielt (bzw. hält). John F. Kennedy, der junge Kriegsheld aus bestem Hause, wurde vor diesem Hintergrund wie eine strahlende Lichtgestalt inszeniert und als solche hat Mailer ihn skizziert. Indem Mailer den alten Mythos vom besseren Amerika in einer sonst ach so schlechten und verkommenen Welt als Lüge entlarvt, begründet er zugleich den neuen Mythos des politisch unkonventionellen Superhelden, des Hoffnungsträgers und All-American-Guys zum Anfassen. Und der Mythos wirkt ja bis heute nach. Ohne Kennedy kein Obama und wäre Kennedy nicht erschossen worden, hätte er in einer zweiten Amtszeit vielleicht eine ebenso erbarmungswürdige Figur abgegeben wie der derzeitige Amtsinhaber. Mailer nimmt die ganze Politikerkaste der Frühsechziger ins Visier und seine Boshaftigkeit ist grandios: „Rob Wagner, der Bürgermeister von New York, ein kleiner Mann, beleibt, gepflegt, ausdruckslos. Er hatte den leeren pomadisierenden, leicht besorgten Blick des Chef-Friseurs in einem guten Herrensalon, der an seinem freien Tag zur Rennbahn geht und einen durchsichtigen grünen Stein in seinem Goldring trägt.“ Ein Schelm, wer da an Sigmar Gabriel denkt.

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Zurück zum Buch, wobei wir das deutsche Beiheft mal links liegen lassen. Dazu nur noch dieses: Es enthält den Essay auf knapp 30 Seiten im DIN A 4-Format sowie sämtliche übersetzten Texte, Anhänge und die ausführlichen Bildlegenden des Hauptbandes. Achtung, bei letzteren die Brille bereitlegen! Der Hauptband ist auf rund 370 großformatige Seiten angeschwollen und enthält neben Mailers (englischen) Text im ersten Teil Abbildungen u.a. von Cornell Capa, Henri Cartier-Bresson, Alfred Eisenstaedt, Elliot Erwitt oder Garry Winogrand. Insgesamt sind es Arbeiten von 34 Fotografen, die zu einer schlüssigen Chronologie des Wahlkampfes als Bildreportage zusammengestellt wurden und JFK etwa bei Wahlkampfreden, mit seinen Anhängern, in Fabriken, während Pressekonferenzen oder bei intimen Beratungen zeigen, aber auch Fotos seiner Anhänger und politischen Gegner, von Wahlversammlungen und Parteitagen sind dabei. Die Gestaltung ist sachlich und angemessen unaufgeregt, ein Band zum Schmökern und Blättern. Neuigkeiten werden eher nicht geboten, aber alles in allem ist es eine gelungene Dokumentation dieses großen Ausnahmewahlkampfs der US-Geschichte und der Mailer-Text macht deutlich, dass sich nach einem halben Jahrhundert wenig geändert hat.

  • Titel: Norman Mailer. JFK. Superman Comes to the Supermarket
  • Untertitel: A Pointed Portrait Of A Political Campaign
  • Bildautor: (diverse)
  • Textautor: Norman Mailer, J. Michael Lennon
  • Herausgeber: Nina Wiener
  • Gestalter: Jessica Trujillo
  • Verlag: Taschen
  • Verlagsort: Köln
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: englisch, deutsch
  • Format: ca. 40 x 30 cm
  • Seitenzahl: 370
  • Bindung: Hardcover mit Schutzumschlag
  • Preis: 99,99 Euro
  • ISBN: 9783836550307

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