Bilder und Zeiten

Eine Fotobuchreihe über das Leben in der DDR

Steinert

„Ostalgie“ mag nicht jeder. Der eine hat ungute Erinnerungen an die DDR als einen reglementierenden und überwachenden Staat, der andere mag genau dies als umfassende Betreuung der Bürger ungern aufgegeben haben. Der Blick zurück ist immer subjektiv gefärbt.Der Leipziger Lehmstedt-Verlag hat die Buchreihe „Bilder und Zeiten“ konzipiert, die dem subjektiven Blick auf das Leben in der DDR auf höchstem Niveau Raum gibt. Die ersten drei Bände zeigen in sehr guter Druckqualität größere Werkkomplexe von Fotografen, die dabei gewesen sind. Im Mittelpunkt steht nicht das offizielle Bild, sondern das künstlerische, das in dieser Weise wohl nur selten in der DDR veröffentlicht werden konnte. „Müllkastenfotografie“ wurde die weitab vom Sozialistischen Realismus angesiedelte Fotografie nach Erinnerung von Roger Melis genannt. Gemeinsam ist Melis, Roger und Renate Rössing sowie Thomas Steinert, dass sie alle an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ausgebildet worden waren. Den Büchern ist gemeinsam, dass die Bildautoren jeweils ein persönliches Vorwort beigesteuert haben und dass Biobibliografien die schlicht und sachlich layouteten Bildstrecken abschließen. Auf die dünnen Rahmen um die einzelnen Bilder wurde im dritten Band zum Glück verzichtet. Die erstaunlich preiswerten Bücher haben einheitlich gestaltete schwarze Einbände, was sie als zusammengehörig ausweist.

Am ärgsten traf es den nonkonformistischen, u.a. als Metallwerker und Gelegenheitsarbeiter tätigen Leipziger Thomas Steinert (Jg. 1949). Sein lesenswertes Vorwort schildert mit beißender Ironie, wie seine Versuche, mit seiner Fotografie sein Leben zu fristen, mehr oder weniger scheitern mussten. Derartig eingestimmt wundert man sich nicht, warum das vor 1989 unvermeidlich war. Heute kann man Steinert nur wünschen, dass seine faszinierenden Arbeiten endlich die Anerkennung finden, die sie zweifelsohne schon längst verdient haben. Jedes einzelne von Steinerts immer quadratischen Bildern erzählt eine eigene Geschichte. Da steht eine Nackte, laut Bildunterschrift eine „Studentin der Veterinärwissenschaften“, auf dem Balkon eines Abbruchhauses wie ein verirrter Engel (S.70). Ein pittoreskes Hinterhofambiente wird mittels improvisiertem Plakat zum Veranstaltungsort eines Privatsymposiums zum 250.Geburtstag von Immanuel Kant (S.64), eine Faschingsfeier scheint gar nicht lustig verlaufen zu sein (S.96ff.) und ein Mann sägt an dem Ast, auf dem er steht (S.40).

Connewitz, ein dem Untergang durch Verfall geweihter Stadtteil von Leipzig, ist der Dreh- und Angelpunkt für Steinert und seine einzigartigen, zwischen Bild gewordenen Tagträumen und trauriger Realität changierenden Aufnahmen. Was wohl heute aus dem „Connewitzer Welttheater“ geworden sein mag? Die Atmosphäre, die aus den Fotos spricht, dürfte mit der DDR verschwunden sein. Vielleicht findet Steinert jetzt seine Motive in banalen Investorenarchitekturen und frustrierten Hartz4-Empfängern – das 1990 entstandene Bild „Die ersten Arbeitslosen“ (S.124) deutet in diese Richtung. Steinert wird seine kraftvolle Bildsprache hoffentlich nicht verlieren – die Zeiten sind andere, aber nicht immer bessere.

Roger Melis (Jg. 1940) hatte es etwas einfacher. Er arbeitete für Zeitschriften in Ost und West, hatte durch Letzteres zwar Probleme, aber konnte weiterhin, auch in Buchform, so viel veröffentlichen, dass es zum Leben reichte. Seine „Blicke in ein stilles Land“ stammen aus den Jahren zwischen 1965 und 1989. Es sind beinahe melancholische Bilder, die oft für eine Atmosphäre eines kraftlosen „Es muss ja irgendwie weitergehen…“ stehen. 1989 war dann Schluss damit und deshalb ist der Rückblick des stillen Beobachters doppelt wertvoll.

Renate (1929-2005) und Roger (Jg.1929) Rössings Werk besteht vor allem aus einer imposanten Menge an Bildbänden. „Menschen in der Stadt“ versammelt Fotos, die zwischen 1946 und 1989 in Leipzig entstanden. Die Fotografen erweisensich als genaue Beobachter des Alltags, die gediegen komponierten Fotos spiegeln zwischen Wiederaufbau und Wende eine durchaus optimistische Stimmung in einer ostdeutschen Großstadt.

Wer weiß, was noch in den Archiven ostdeutscher Fotografinnen und Fotografen schlummert. Wenn es um einen jeweils eigenen Blick in die Lebenswirklichkeit der DDR geht, sollte unbedingt der Lehmstedt-Verlag kontaktiert werden, auf dass er seine von Mathias Bertram betreute Reihe „Bilder und Zeiten“ in ähnlich hoher Qualität fortsetzen kann.

  • Titel: Menschen in der Stadt
  • Untertitel: Fotografien 1946 - 1989, Bilder und Zeiten - Band 1
  • Bildautor: Roger und Renate Rössing
  • Textautor: 
  • Herausgeber: Mathias Bertram
  • Gestalter: Mathias Bertram
  • Verlag: Lehmstedt
  • Verlagsort: Leipzig
  • Erscheinungsjahr: 2006
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 144
  • Bindung: Hardcover
  • Preis: 19,90 Euro
  • ISBN: 9783937146324
  • Titel: Connewitzer Welttheater
  • Untertitel: Fotografien 1969 - 1994, Bilder und Zeiten - Band 2
  • Bildautor: Thomas Steinert
  • Textautor: 
  • Herausgeber: Mathias Bertram
  • Gestalter: Mathias Bertram
  • Verlag: Lehmstedt
  • Verlagsort: Leipzig
  • Erscheinungsjahr: 2006
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 128
  • Bindung: Hardcover
  • Preis: 19,90 Euro
  • ISBN: 9783937146348
  • Titel: In einem stillen Land
  • Untertitel: Fotografien 1965 - 1989, Bilder und Zeiten, Band 3
  • Bildautor: Roger Melis
  • Textautor: 
  • Herausgeber: Mathias Bertram
  • Gestalter: Mathias Bertram
  • Verlag: Lehmstedt
  • Verlagsort: Leipzig
  • Erscheinungsjahr: 2007
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 192
  • Bindung: Hardcover
  • Preis: 19,90 Euro
  • ISBN: 9783937146409

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