Durchnummeriert und buchstabiert

Silke Helmerdigs Buch ist das letzte aus Hannes Wanderers Verlag

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Hundert Fotografien aus Berlin und sechsundzwanzig aus London, weil in die Bilder jeweils eine Zahl respektive ein Buchstabe eingebettet ist. Nein, das ist kein „Gag“, sondern ein Prinzip, eine Art Denkstütze beim Fotografieren. Wie erfasst man eine Stadt, ohne sich an den Sehenswürdigkeiten abzuarbeiten? Selten einmal hat sich eine Fotografin (oder auch ein Fotograf) daran gemacht, Seitenblicke auf ihren alltäglichen Gängen zu erfassen. Oft kam nur Läppisches dabei heraus. Die Nummern und Buchstaben geben den Bildern von Silke Helmerdig einen Halt. Selbst unerhebliche Blicke geraten plötzlich zu Sinnbildern der Stadt. Natürlich macht es nebenbei beim Betrachten Spass, nach den Zahlen und Buchstaben im Bild zu suchen. Das ist teils gar nicht so einfach, die Dinger verstecken sich und ergeben somit einen weiteren Grund sich intensiv mit den Fotografien zu befassen.

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Berlin und London sind sich insofern ähnlich, als sie beide nordeuropäische Städte sind, aber auswechselbar sind die Fotos kaum. Natürlich könnte Berlins Nr. 3 durchaus in Notting Hill Gate sein. Aber schon Nr. 13 ist nicht an der Themse, sondern an einem Berliner Gewässer zu verorten. Es gibt eindeutige Bildgegenstände, die auf Berlin verweisen: ein Müllwagen, eine Plumpe, ein Postfahrrad, „49 Originals“ auf einem Pullover darf nicht täuschen, dafür sind Strassenbäume und Hausfassaden zu eindeutig berlinisch, und einmal ist gar der Funkturm zu sehen. Die etwas langweilige U-Bahnstation mit „B“ könnte in Berlin sein, ist aber durchaus britisch. Das Foto einer deutschen V2-Rakete als eine Art Denkmal neben einem typisch Londoner Klinker-Gebäude verblüfft sehr.

Silke Helmerdig hat tatsächlich den unterschiedlichen optischen Charakter und die Atmosphäre der beiden Städte erfasst. Ihr Bildstil scheint mir nur mit einer eher einfachen analogen „Knipse“ erreichbar (digitale Prachtstücke ergeben ja fast ohne Zutun schöne bunte Bildchen). Unterbelichtet, unordentlich, „aus-der-Hüfte-geschossen“, wie man sagt, präsentieren sich diese Fotos. Die Bildfindungen sind nicht sorgfältig fokussiert, das schnell notierte optische Fundstück reicht. So ein Vorgehen kann nicht geplant werden, und das Ergebnis gerät umso authentischer.

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Diese Rezension ist auch ein Nachruf auf den grossen Fotobuch-Verleger Hannes Wanderer. Am 5. September 2018 hat er das Buch in seiner Ladengalerie „25 books“ mit Verve und Freude präsentiert. Es war seine letzte Buchpremiere – vier Tage später ist Hannes gestorben. Eigenwillige Bücher, alle hervorragend produziert und geschmackssicher gestaltet, sind das Vermächtnis von Hannes Wanderer.

PS Wenig später kam posthum noch ein weiteres Buch heraus, das aber Wanderer nicht mehr in gedruckter Form sehen konnte.

 

  • Titel: Berlin by Numbers / London from A – Z
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Silke Helmerdig
  • Textautor: Silke Helmerdig
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Silke Helmerdig, Hannes Wanderer
  • Verlag: Peperoni Books
  • Verlagsort: Berlin
  • Erscheinungsjahr: 2018
  • Sprache: deutsch, englisch
  • Format: 27 x 20,5 cm
  • Seitenzahl: 220
  • Bindung: Softcover mit Schutzumschlag
  • Preis: 36 Euro
  • ISBN: 978-3-941249-25-7

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