Feindbilder

Herlinde Koelbl über Ziele und Zielscheiben

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In den Zeiten defekter Hubschrauber, löcheriger Schutzwesten und auch sonst maroden Militärmaterials hat es eine Armee wie die Bundeswehr schwer, ihren politischen Auftrag zu erfüllen, nämlich dabei mitzuhelfen, dass Frieden auf Erden herrschen möge. Ein frommer, ein vergeblicher Wunsch. Denn Irgendjemand meint immer, der Nachbar hätte mehr, müsste etwas anderes glauben oder stört einfach nur. Gewalt gegen Andere oder Andersdenkende ist so alt wie die Menschheit – und wird bleiben.

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Herlinde Koelbl (* 1939) machte aus der latenten Bedrohung ein subtiles fotografisches Langzeitprojekt, besuchte militärische Übungsplätze in aller Welt und fotografierte dort die Zielobjekte wie Häuser oder Fahrzeuge, vor allem aber Zielscheiben. Manchmal sind das tatsächlich nur gemalte Scheiben wie im Schützenverein, zu oft allerdings tragen die Ziele (als „Pappkameraden“) menschliche Züge. Geübt wird eben möglichst realistisch und es ist müßig, über die unterschiedlichen Ideologien zu spekulieren, die diese oder jene Form des Zielobjekts bevorzugt. Die Fotografin „schießt“ mit ihrer Kamera nicht nur auf Zielscheiben, sondern auch auf manche Schützen, die ihrerseits im Konfliktfall die Ziele abgeben.

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Das Zielscheiben-Sujet scheint bei Fotografen wegen seiner Ambivalenz zwischen Surealismus und Realismus, zwischen Spiel und Ernst eine gewisse Beliebtheit zu haben: militärische Übungsplätze und Ausbildungsstätten waren Themen für so unterschiedliche Fotobücher wie Was einmal Heimat war (Peter Granser, 2012), Camp Vogelsang (Andreas Magdanz, 2010) und Red Land – Blue Land von Claudio Hils, eine Arbeit, die im Jahre 2000 Maßstäbe setzte.

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Das neue Buch von Herlinde Koelbl reiht die unterschiedlichsten Zielobjekte in austarierten Doppelseiten aneinander, unterbrochen durch besonders irritierende Motive (ein Soldat steht zwischen den Zielscheiben, Fleisch in einer Auslage, Übungen mit Statisten, Zielscheiben mit Geiselnehmer nebst Geisel) und Einschübe, die in militärgrüner Rahmung Portraits einzelner Soldaten zeigen und von kurzen Statements zu deren Tun ergänzt werden. Alle Bilder tragen als Untertitel nur den Namen des jeweiligen Landes der Aufnahme. Die Textbeiträge im Buch sind ansonsten fast unlesbar, weil ohne Absätze in einem strengen Blocksatz gesetzt. So ein Textblock wirkt nun nicht mehr wie ein Fließtext, sondern vor allem als eine Ansammlung von Worten und erinnert mich an eine Namenliste auf einem Soldatenfriedhof oder in einem Gedenkbuch. Jedenfalls behandelt Koelbls Fotobuch sein Thema – man hätte es auch „Feindbilder“ nennen können – mit großer Nüchternheit. Das Lachen über die kuriosen Situationen und die militärtechnischen Konstruktionen bleibt einem im Halse stecken. Auch wenn Koelbl ihre fotografischen Ziele nur bei der Vorbereitung des Ernstfalls fand: Das anspielungsreiche, doppelbödige Buch gehört schon zum Genre der Kriegsfotografie.

  • Titel: Targets
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Herlinde Koelbl
  • Textautor: Herlinde Koelbl, Gerry Adams , Arkadi Babtschenko
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Naroska Berlin
  • Verlag: Prestel Verlag
  • Verlagsort: München
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: deutsch
  • Format: 
  • Seitenzahl: 240
  • Bindung: illustriertes Hardcover
  • Preis: 49,95 Euro
  • ISBN: 978-3-7913-4948-0


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