Der Broschürencontainer

Der Katalog des „PhotoBookMuseums“ in ungewöhnlicher Form

PBM_Box

Das „PhotoBookMuseum“  hat nur noch wenige Tage geöffnet. Auch wenn die alte Fabrikhalle „Carlswerk“ in Köln-Mülheim bald wieder geräumt sein wird, bleibt die Idee, dem Fotobuch irgendwann einmal ein „richtiges“ eigenes Museum zu widmen. Und der Ausstellungskatalog wird bleiben. Katalog ist vielleicht der falsche Ausdruck, obwohl fast alle Ausstellungsstationen vertreten sind.

Die Publikation besteht aus einer schwarzen Schachtel, die etwas größer als ein Brikett ist, und in der Form an die Schiffscontainer erinnern soll, in denen einzelne Themen der Ausstellung präsentiert wurden. Zu fast allen dieser mindestens 31 Kapitel gibt es ein Leporello, eine Broschüre oder ein gefaltetes Poster, oft nur mit Bildern, sonst mit Texten, jedenfalls genau auf die Exponate abgestimmt. In der Ausstellung konnte man alle Teile auch einzeln für je 3 € erwerben und sich das herauspicken, was am meisten interessierte. Der Katalog in Form von einzelnen Drucksachen spiegelt dabei die Konzeption der Ausstellung wieder, die nicht strikt und konsequent das Thema Fotobuch behandelt, sondern einen ganzen Strauß von verschiedenen Möglichkeiten zur Annäherung an bzw. Präsentation von Fotobücher(n) vorstellte. Das Spektrum reichte dabei von aufwändig inszeniert (Stationen Nr. 1, 19, 20, 21, 24) bis an die Wand gepinnt (Nr. 2, 25, 29) oder irgendwo hingelegt (Nr. 26). Die Katalogbox enthält einschließlich des Kurzführers, den auch jeder Ausstellungebesucher an der Kasse bekam, 33 Drucksachen, wobei die zur Station 19 (La Brea Matrix) aus neun gefalteten Postern besteht, die, wenn man sie zusammenlegt, eine großformatige Reproduktion des Fotos von Stephen Shore ergibt, auf das sich das Ganze bezieht. Auf den Rückseiten wird das umfangreiche Material zum Projekt vorgestellt. Nr. 18 ist die Getränkekarte der Café Lehmitz-Bar, die als Nachbau aus Anders Petersens Buch von 1978 im Eingangsbereich der Ausstellung tatsächlich zur Erfrischung ermatteter Besucher eingerichtet war. Die Lehmitz-Bar zählt zu den „PhotoBookStudies“, ein schöner Gag, der zum Philosophieren darüber einlädt, wie weit Fotobuchstudien im Dienste der Anschaulichkeit getrieben werden sollten oder dürften…

Lageplan(entwurf) der Ausstellung

Lageplan(entwurf) der Ausstellung

Blick in die Ausstellung

Blick in die Ausstellung

Stationen der Ausstellung (oben), Inhalt der Box (unten)

Stationen der Ausstellung (oben), Inhalt der Box (unten)

Broschüre 1 enthält eine lesenswerten Aufsatz von Christoph Schaden zur Rezeption von Chargesheimers Ausstellung (und Buch) Köln 5 Uhr 30. Nr.2 deutet mit Nachtragsvorschlägen an, dass der Kanon von Parr und Badger nicht abgeschlossen ist. Damit wäre schon die erste Sektion „PhotoBookHistory“ sowohl in lokaler als auch weltweiter Dimension abgehandelt.

Es folgen zehn Nummern „NewDocuments“ (Nr. 3-12), was nichts anderes bedeutet, dass zu einzelnen (meist schon vergriffenen) wichtigen und bemerkenswerten Fotobüchern Bonusmaterialien, Kurz- und Zusammenfassungen oder Kommentare geliefert werden. Im Falle von Ali Taptik (Nr. 10) enthält die Broschüre eine englische Übersetzung des im originalen Buch in Türkisch abgedruckten Textes. Stephen Gill (Nr. 4) hat eine handgeschriebene Bibliographie seiner bisherigen Werke beigesteuert.

Die dritte Sektion nennt sich „PhotoBookStudies“ (Nr. 14-18) und dokumentiert die Beschäftigung mit einzelnen Büchern oder, wie vom Fotobuchfestival in Kassel 2013 bereits bekannt, mit dem Fotobuch-Lebenswerk von Daido Moriyama. Eine ähnliche Wand zu Ed van der Elsken wird nur im Katalog dokumentiert (oder habe ich die sicherlich nicht kleine Ausstellungsstation Nr. 14 schlichtweg übersehen?).

„ProjectWork“ handelt von aufwändigen Vorhaben (Nr. 19-21), die teils noch nicht abgeschlossen sind (Raabe, Nr.21), in Bücher münden oder mit Büchern zu tun haben.

Eine weitere Sektion betrifft „TheCollections“ (Nr. 22-25), die sich aber in der Katalogbox nur mit einem Beitrag zu Marks of Honour (Nr. 24) wiederfinden. In der Ausstellung waren das Büchersammlungen hinter Glas (Ed Ruscha, Nr. 23) oder mit Klammern an die Wand gehängt (Nr. 25).

Schließlich dann noch Sonstiges unter dem Begriff „SpecialRooms“ (Nr. 26-31), darunter als größter Bestand an frei zugänglichen Büchern alle Nominierungen aus sieben Jahrgängen des Kasseler Photobook Awards (Nr. 27), eine ziemlich spannende, mit vielen Raritäten gespickte und in separaten Katalogen erschlossene Sammlungen bemerkenswerter Neuerscheinungen des letzten Jahrzehnts. In Köln wurden diese Kataloge seltsamerweise nicht angeboten (dafür aber hier). Die Station 27 fehlt also in der Katalogbox, aber es gab hier wie bei allen oder fast allen anderen Stationen der Ausstellung ein Faltblatt mit kurzen Erläuterungen zum Mitnehmen. Bei Nr. 28, den Kinderbüchern von Dominique Darbois gewidmet, werden zwar alle 20 Titel abgebildet und auf einer Karte verortet, es fehlt aber trotzdem eine Bibliographie, weil es von den Büchern unterschiedliche Ausgaben und Auflagen gibt. In der Ausstellung setzte sich diese Nonchalance in Sachen Darbois fort, denn die Titelbilder dienten als Verzierung von Sitzhockern für die Kinderabteilung des PBM und eine gedrängte Collage aus schönen Doppelseiten fungierte nur als Wanddekor.

Die letzte Drucksache Nr. 30 schließlich handelt von der Arbeit, die die Designer Kummer & Herrman für Rob Hornstra und Arnold van Bruggens Sochi-Projekt geleistet haben. Dazu gibt es auch eine ausführlichere Broschüre No fixed format, die man im Buchshop der Ausstellung erwerben konnte (oder hier). Kummer & Herrman waren auch am Layout der Drucksachen beteiligt und überhaupt stammt von ihnen das Corporate Design der ganzen Ausstellung. Die Sprache des international ausgerichteten PBM ist, der Titel deutet es bereits an, Englisch. Nur im Kurzführer und in Broschüre 12 gibt es deutsche Texte. Die Website des PBM bietet für die Kölner Ausstellung als „Carlswerk-Edition“ auch einen auch deutschsprachigen Katalog, dessen Einträge jedoch nicht immer mit der real vorhandenen Ausstellung synchron gehen (vgl. Station 2, die Sammlung von Martin Parrs „Protest“-Büchern wird online angekündigt, war aber in Köln leider nicht zu sehen).

PBM_Box_offen

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Der Inhalt der auf 1000 Exemplare limitierten Sammlung entpuppt sich also als kunterbunte Mischung aus etwas Buchkunde, viel Bonusmaterial und guter Gestaltung. Die Box ist eine Verlängerung der Ausstellung mit anderen Mitteln. Für alle Sammler, die sich mit den genannten Büchern bereits beschäftigt haben, ist sie ein Muss. Ob Ausstellung und Katalog, wie es Markus Schaden vorschwebt, bei den Fotobuchnovizen Neugier und anhaltende Leidenschaft für das Fotobuch auslösen, bleibt abzuwarten. Dazu hätte es gut gepasst, wenn auch das auf der Ausstellung vertretene Buchlabor (Station 32) der FH Dortmund einen einführenden Beitrag für die Box beigesteuert hätte. Die Benutzbarkeit bei 33 meist eng gefalteten Drucksachen ist allerdings nicht auf eilige Leser ausgerichtet – etwas ganz schnell wiederzufinden, ist nicht einfach.

Die Kölner Ausstellung „PhotoBookMuseum“ wird also keinen schnöden Katalog, sondern eine vor allem visuell argumentierende Dokumentation als ein schönes Sammlerstück hinterlassen. Im Prinzip erlauben die in der schwarzen Schachtel gesammelten Drucksachen jedem Käufer, zu Hause oder wo auch immer eine eigene Kurzversion der Ausstellung zu kuratieren. Hätte man doch dazu auch noch einige der behandelten Bücher… Der Broschürencontainer deutet die gestalterischen und drucktechnischen Möglichkeiten des Fotobuchs über die eigentliche Ausstellung hinaus an – ein kongeniales Startobjekt für Markus Schadens Initiative!

Katalogpräsentation im Eingangsbereich des PBM

Katalogpräsentation im Eingangsbereich des PBM

 

Meinen Bericht über die Ausstellung finden Sie bei Fotokritk.de.

Den Bericht über die Ausstellung von Hermann Lohss finden Sie hier.

 

  • Titel: The PhotoBookMuseum Catalogue Box
  • Untertitel: 
  • Bildautor: (diverse)
  • Textautor: (diverse)
  • Herausgeber: Markus Schaden, Frederic Lezmi
  • Gestalter: Okay Karadaylar, Frederic Lezmi und Kummer & Herrman
  • Verlag: Kettler
  • Verlagsort: Dortmund
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: englisch
  • Format: 22,7 × 14,1 × 8 cm
  • Seitenzahl: 33 Einzelpublikationen
  • Bindung: Schachtel
  • Preis: 68 Euro
  • ISBN: 978-3-86206-394-9

Eine Antwort zu Der Broschürencontainer

  1. Pingback: „Hier bitte noch irgendein Buch einpflegen…“ * | kasseler fotobuchblog

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