Glücksfall Leica

Hans-Michael Koetzles Kulturgeschichte der Leica-Fotografie

Leica_Schaufenster

Die Leica ist ein bevorzugtes Sammelgebiet geworden, das vom Hersteller auch immer wieder mit Sondereditionen in Lack und Leder bedient wird. Fotografieren kann man auch mit einer 10-Euro-Billigknipse vom Flohmarkt, siehe Stephen Gill, dazu braucht es keine noble Leica. Doch der Mythos lebt und die 100jährige Tradition der Kamera hat einen gewichtigen Anteil daran. Während bislang die Kamera an sich immer im Mittelpunkt stand, war es Zeit, zum Jubiläum die kulturgeschichtlichen und ästhetischen Dimensionen der Leica-Fotografie auszuloten. Die Ausstellung Augen auf! erinnert daran, was eine innovative, robuste und optisch erstklassig ausgestattete Kamera an Bildern möglich gemacht hat, so man die Möglichkeiten des Geräts zu nutzen weiß.

Die Ausstellung war an ihrer ersten Station in den Hamburger Deichtorhallen überaus erfolgreich. Jetzt wurde sie in einer den kleineren Räumen angepassten Form im Fotografie Forum Frankfurt eröffnet. Die Hängung ist dicht und, wie es Kurator Hans-Michael Koetzle in seiner Eröffnungsrede unumwunden zugab, kompliziert, erlaubt aber überraschende Perspektiven. Neben einem mit Klassikern gut gefüllten Pantheon an Fotos sind auch eher unbekannte und jüngere Positionen zu entdecken, so Arbeiten spanischer Fotografen.  Zu den überwiegend in Vintage-Qualität gezeigten Bildern gesellen sich Publikationen in Tisch- und in kleinen, maßgeschneiderten Wandvitrinen; Bücher, Zeitschriften, Magazine, die mit Leica-Fotos gestaltet wurden. Markenliteratur (Prospekte, Gebrauchsanweisungen, sogar Entwurfsskizzen) und selbstverständlich einige historische Kameras bis hin zum Nachbau der Ur-Leica runden das Angebot ab.

Eröffnung in Frankfurt, 12.3.2015, mit Hans-Michael Koetzle, Dr. Andreas Kaufmann und Celina Lunsford (Fotos: TW)

Eröffnung in Frankfurt, 12.3.2015, mit Hans-Michael Koetzle, Dr. Andreas Kaufmann und Celina Lunsford (Fotos: TW)

Leica_3

Leica_5

Wer mehr über die kulturgeschichtlichen Dimensionen der Leica-Fotografie wissen möchte, greift zum schwergewichtigen, großformatigen, von Detlev Pusch aufgeräumt gestalteten, trotz der Materialfülle keinesfalls überladen wirkenden Begleitbuch, worin sich die Bilder und deutlich mehr Blicke in Bücher und andere Drucksachen als in der Ausstellung wiederfinden. Dies illustriert den zeitgenössischen Umgang mit den Fotos und deutet ihre Rezeptionsgeschichte an.

See Sand Sonne (1930) - Handexemplar von Arvid Gutschow in der Frankfurter Ausstellung…

See Sand Sonne (1930) – Handexemplar von Arvid Gutschow in der Frankfurter Ausstellung…

… und im Begleitband

… und im Begleitband

Augen_auf_3

Ob es eine spezifische Leica-Fotoästhetik gibt? Beim Fotografieren gab es Unterschiede gegenüber Mittel- und Großformatkameras, Vorteile in der Handhabung, der Motiverfassung, Lichtstärke und Schnelligkeit. Die neuen Möglichkeit der Bildgestaltung wurden jedoch mit der Etablierung weiterer Kleinbildsysteme Allgemeingut. Nun bedeutet die Aufnahme von Arbeiten in Ausstellung und Buch Augen auf! eine Art Kanonisierung der Fotos und mit ihnen der zugehörigen Publikationen, war es doch oft nicht bekannt oder unsicher, ob die entsprechenden Fotos überhaupt mit einer Leica gestaltet wurden. So arbeitete Arvid Gutschow mit einer Leica; folgerichtig ist sein Hauptwerk See Sand Sonne (1930) in Form seines im Nachlass erhalten gebliebenen eigenen Handexemplars in Begleitbuch und nebst einigen Abzügen auch in der Ausstellung zu sehen. Für solche Entdeckungen bürgt die umfassende Recherche des Kurators und Herausgebers. Für die nachhaltige und weltweite Wirkung steht über die Ausstellungen hinaus der demnächst auch in Englisch erscheinende Band: „Ausstellungen sind ephemer, Bücher für die Ewigkeit.“*

Koetzle hat lange und intensiv an der später noch in weitere Städte (22.8.-1.11.2015 in Berlin, Wien, München) tourenden Ausstellung und am Begleitbuch gearbeitet. Basis war seine eigene Sammlung und ein erster Blick in das bislang verschlossene Werksarchiv des Herstellers in Wetzlar, selbstverständlich ergänzt um zahlreiche, hochkarätige Leihgaben. Ein Glücksfall für die Fotogeschichte, ein Glücksfall auch für die Firma Leica, für die das ohne kleinliches Gezerre zustande gekommene Paket aus Ausstellung und Begleitbuch auch perfektes Marketing zur Stärkung der eigenen, nun seit einem Jahrhundert behaupteten Position ist.

* Zitat aus einem Interview mit Hans-Michael Koetzle zu Ausstellung und Buch in: LFI Leica Fotografie International, 65.Jg./Nr.8/2014, S.25

Augen_auf_Cover

  • Titel: Augen auf!
  • Untertitel: 100 Jahre Leica
  • Bildautor: (diverse)
  • Textautor: (diverse)
  • Herausgeber: Hans-Michael Koetzle

  • Gestalter: Detlev Pusch

  • Verlag: Kehrer
  • Verlagsort: Heidelberg / Berlin
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: deutsch, englisch in Vorbereitung
  • Format: 32,5 x 27, 5 cm
  • Seitenzahl: 564
  • Bindung: Hardcover, illustrierter, halbhoher Schutzumschlag
  • Preis: 98 Euro
  • ISBN: deutsch: 978-3-86828-523-9; englisch: 978-3-86828-530-7

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>