Katastrophenberichte

Neues zu Tschernobyl, Fukushima & Co

Katastrophen

Neben Kriegen reizen insbesondere Katastrophen zu einer fotografischen Reaktion. Unvergessen der Raum auf der Kasseler documenta 2002, in dem Ryuji Miyamoto Bilder von der durch ein Erdbeben 1995 zerstörten Stadt Kobe zeigte. Das schmale Bändchen, das damals erschien, hat es inzwischen in Parr und Badgers Fotobuchkanon geschafft…. In der Hitliste der Bücher über Katastrophenfälle ganz oben steht aber das Oberthema Atomkraft. Sowohl was den Protest gegen diese unsichere und riskante Form der Energiegewinnung als auch was das Dokumentieren der Folgen angeht. Wir haben hier schon mehrfach Bücher über Tschernobyl, Fukushima & Co vorgestellt.

In üppiger Ausstattung mit Schmuckschuber kommt das bislang jüngste Tschernobyl-Buch daher. Auf dem Schuber Männer mit Gasmasken, auf dem Einband des Buches ein Telex vom 28.4.1986, in dem die Agentur TASS den Störfall meldet. Das macht neugierig. Der schwere und große Band enthält Bilder des National-Geographic-Fotografen und Steinert-Schülers Gerd Ludwig (* 1947), der sich in den Jahren 1993, 2005, 2011 und 2013 mehrfach dorthin gewagt hatte. Motive sind Bewohner der verbotenen Zone, surreal verwüstete und verwaiste Gebäude, Bauarbeiten am strahlenden Meiler und, das zu zeigen ist neu, Touristen auf Gruseltour. Ludwigs Bilder sprechen eine deutliche und beeindruckende Sprache. Aber funktioniert das auch als Buch? Das (vor dem Innentitel platzierte!) Vorwort stammt von Michail Gorbatschow, was schon auf dem Schuber mitgeteilt wird, was wiederum misstrauisch macht. Braucht Ludwig wirklich den berühmten Namen? Alle Texte sind in drei Sprachen gesetzt. Die Bildtexte werden auf diese Weise aufgeblasen und der Fluss der Bildstrecke wird damit immer unterbrochen. Und muss man unbedingt lesen, was man ohnehin auf dem Foto sieht: „Nova Krasnitsya, Ukraine, 2005. Verlassen und verloren dämmern eine Lenin-Statue und das Haus der Kultur ihrem Lebensende entgegen“ (S.219). Dieser betuliche Stil ist typisch für die Bildtexte.

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Für das Buch wurde vorab eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, eigentlich etwas, was bislang für kleine, unabhängige Produktionen üblich ist und nicht für eine internationale Großproduktion eines freilich in Sachen Foto-Bildband engagierten, aber eher kleinen Verlages. Dazu der Fotograf im www: „Ihre Unterstützung wird dazu beitragen, dass der Druck des Buch den höchsten Standards genügt – mit hochwertigem Papier, erstklassigen Farben und strapazierfähiger Buchbindung.“ Herausgekommen ist ein unentschieden zwischen engagiertem Journalismus und repräsentativem Coffee-Table-Book pendelnder Bildband, dessen Layout mit ein paar reinen Fotodoppelseiten vielversprechend beginnt, sich dann aber im Illustriertenstil verliert. Es gab ja schon einige Bücher über das Problem Tschernobyl – ob dieser gut gemeinte Band voller eindrucksvoller Bilder dieses Genre, dessen Maßstäbe Robert Polidori und Andrej Krementschouk setzten, wirklich beflügelt und fortentwickelt, darf bezweifelt werden.

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Was für ein Unterschied zu einem bescheideneren und eine ähnliche Thematik behandelnden Fotobuch, das Michael Danner (* 1967) vorgelegt hat. Es geht um die Sicherheit von deutschen Atomkraftwerken. Das Cover ist symbolhaft durchlöchert, dahinter ein Schwarzweißbild von über Demonstranten kreisenden Hubschraubern. Das Buch beginnt mit Anti-Atom-Demonstrationen im Stil eines Protestbuches aus der Zeit um 1980. Dann folgt eine lange, farbige Bildstrecke von provokativer Sachlichkeit, die vor allem der Sicherheitstechnik der Reaktoren gewidmet ist. Nach wenigen Außenaufnahmen der ja schon einige Jahre alten Architekturen überwindet Danner die Sicherheitsschleusen und nimmt den Betrachter mit in das Innere solcher Anlagen. Schutzkleidung überstreifen, Helm auf, und dann geht es in klinisch saubere, hell ausgeleuchtete Maschinenräume, menschenleere Schaltwarten und zum Schluss in düstere Stollen. Am Ende wechseln Tonus und Papierqualität wieder und man sieht sich mit rauen, schwarzweißen Polizeifotos konfrontiert von Demonstrationen, von sichergestellten Werkzeugen, Farbbeuteln oder gar. Die Fotos von Demonstrationen lieferte Günter Zint, die Bilddokumente der Asservaten stammen aus Staats- und Polizeiarchiven. Ein Bildindex erlaubt die Identifizierung der Motive von Asse bis Unterweser, zwischen Brokdorf und Gorleben. Zusammengebracht hat das Sybren Kuiper, der einmal bewiesen hat, wie ein Fotobuch aussehen muss, das Relevanz hat. Critical Mass handelt von kritischen Massen auf beiden Seiten der Zäune und macht, mit dem Wissen um Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima im Hinterkopf, auf subtile Weise und ohne große Worte nachdenklich.

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Der dritte Beitrag zum Thema stammt von Hans-Christian Schink (*1961), der Anfang 2012 in die Gegend von Fukushima gereist war, um mit dem Blick des nüchternen Dokumentaristen die von dem Tsunami verwüsteten Landschaften und Städte zu protokollieren. Er kam zu spät, das Wasser war längst wieder abgelaufen, die gravierendsten Schäden waren schon beseitigt. Oder haben den Fotografen nicht interessiert, auch das Atomkraftwerk ist nicht zu sehen. Aber die Wucht der Welle ist allerorten immer noch zu spüren – Schink hat einen Blick für Details und visuelle Widerhaken. Seine lakonischen Bilder sind nicht als Reportage angelegt, sondern als Einzelstücke, die sich als großformatiges Memento Mori gut an den Wänden von Museen oder, noch besser, in Büros von Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft, machen würden. Das Buch ist dementsprechend sachlich und unaufwändig als Abfolge der einzelner Bildkompositionen gestaltet – der Katalog von Schinks Impressionen aus Japan nach der Katastrophe hätte gern noch etwas größer sein können.

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  • Titel: The long shadow of Chernobyl - Der lange Schatten von Tschernobyl - L´ombre de Tchernobyl
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Gerd Ludwig
  • Textautor: Gerd Ludwig, Michail Gorbatschow (Vorwort)
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Lois Lammerhuber
  • Verlag: Edition Lammerhuber
  • Verlagsort: Baden
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Sprache: englisch, deutsch, französisch
  • Format: 31,5 x 29,5 cm
  • Seitenzahl: 252
  • Bindung: illustriertes Hardcover im illustrierter Schuber
  • Preis: 78 Euro
  • ISBN: 978-3-901753-66-4
  • Titel: Critical Mass - Kritische Masse
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Michael Danner, Günter Zint und Archivmaterial
  • Textautor: Susanne Holschbach
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: -SYB- (Sybren Kuiper)
  • Verlag: Kehrer
  • Verlagsort: Heidelberg, Berlin
  • Erscheinungsjahr: 2013
  • Sprache: englisch, deutsch
  • Format: 23 x 17,5 cm
  • Seitenzahl: 288 (nicht paginiert)
  • Bindung: illustriertes Hardcover
  • Preis: 39,90 Euro
  • ISBN: 978-3-86828-391-4
  • Titel: Tohoku
  • Untertitel: 
  • Bildautor: Hans-Christian Schink
  • Textautor: Rei Masuda
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Ingo Scheffler
  • Verlag: Hatje Cantz
  • Verlagsort: Ostfildern
  • Erscheinungsjahr: 2013
  • Sprache: deutsch, englisch, japanisch
  • Format: 26,5 x 30,5 cm
  • Seitenzahl: 132
  • Bindung: illustriertes Hardcover
  • Preis: 39,80 Euro
  • ISBN: 978-3-7757-3548-3

Eine Antwort zu Katastrophenberichte

  1. Tschernobyl? Für mich bleibt die Messlatte Igor Kostin, der das erste Bild geliefert hat und 1986 bei den roof cats auf dem Dach fotografiert hat. Kein Tourist: “Chernobyl: Confessions of a reporter Igor Kostin” funktioniert auch ohne Worte.

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