Kein Familienalbum

Andreas Mader fotografiert Verwandte und Freunde

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Bilder von Menschen gibt es in vielerlei Form. Wann kann man sie Porträt nennen? Die Minimal-Definition könnte lauten, dass ein Rapport, ein Einvernehmen zwischen Dargestelltem und Fotograf erkennbar sein sollte. Wann aber interessieren uns, die Betrachter, fremde Leute? Nun, andere Menschen interessieren im Prinzip immer, vor allem, wenn es sich um Prominente oder exotische Gesichter handelt. Aber normale Leute, Mutter, Bruder und Freunde eines Fotografen, die wir alle nicht persönlich kennen? Da muss schon etwas dazu kommen, ausser der hier schon ‘mal voraus gesetzten perfekten Beherrschung der fotografischen Technik.

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Häufig sind die Dargestellten in Porträtfolgen aufgebaut, in Szene gesetzt, insbesondere wenn, wie hier, eine Grossformatkamera benutzt wird. Hier finden wir bereits eine Besonderheit von Andreas Maders Porträtkunst. Einige Bilder sind fast Schnappschüsse zu nennen. Sie haben einen flüchtigen Moment im vorüber rauschenden Leben erhascht, Die Tage Das Leben, wie es Andreas Mader sagt. Die Bilder sind sämtlich in natürlicher Umgebung aufgenommen und weisen vollkommene Zwanglosigkeit auf. Auch die im Aufbau zu konventionellen Bildnissen zu zählenden Bilder strahlen eine enorme Natürlichkeit und Leichtigkeit aus. Niemand nimmt Posen ein, keiner wirkt festgenagelt. Wenn man das schwere Gerät bedenkt, muss das am Fotografen liegen. Nur bei Max Yavno habe ich zuvor beobachtet, dass ein Fotograf seinen großen Kasten „candid“ einzusetzen vermag.

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Was sind das alles für Blicke, was für Haltungen? Manche schauen weg, nicht alle halten ihre Augen offen, mehrere schlafen gar. Träumerische, strenge, sanfte, mürrische, aber keine gleichgültigen oder abweisenden Blicke. Alle Arten von Emotionen dem Fotografen gegenüber sind zu sehen: Amüsiertheit, schlichte Freude, abgelichtet zu werden, Skepsis, bewusste Konzentration, ernste Nachdenklichkeit, leichter Spott bis hin zur Haltung „geht mich nichts an, ich pflücke hier einfach ‘mal Blumen“.

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Viele der Protagonisten kehren in dem Buch, das vorwiegend chronologisch aufgebaut ist, mehrfach wieder, sie werden älter. Aber wir blättern kaum einmal zurück, denn wir kennen sie schon und wollen den Vergleich „früher – später“ gar nicht anstellen. Nur die Vertrautheit wächst. Mancher wird sich in ein, zwei, drei Personen verguckt haben und sieht noch einmal näher hin, wie ihr/sein „Liebling“ denn heute ausschaut (im Inhaltsverzeichnis sind Namen und Jahr zu finden). Kein Abgebildeter ist zu einem Prototypen geraten. Alle sind bei sich und bleiben Individuen.

Ach so, das sind alles unbekannte Angehörige eines uns nicht näher bekannten Fotografen? Das haben wir beim Betrachten der Bilder, beim Eintauchen in die Gesichter völlig vergessen.

  • Titel: Days, Life
  • Untertitel: Die Tage Das Leben 1988–2018
  • Bildautor: Andreas Mader
  • Textautor: Klaus Merz, Andreas Mader
  • Herausgeber: 
  • Gestalter: Kai-Olaf Hesse
  • Verlag: Fotohof edition
  • Verlagsort: Salzburg
  • Erscheinungsjahr: 2019
  • Sprache: deutsch, englisch
  • Format: 26 x 21,5 cm
  • Seitenzahl: 208
  • Bindung: illustriertes Hardcover
  • Preis: 38 Euro
  • ISBN: 978-3-902933-74-8

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